Sonntag, 22. November 2015

"Verliebt in eine Zeitreisende" - Kirsten John

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Verliebt in eine Zeitreisende | Ariadne #1 | 320 Seiten | Arena | ISBN 978-3-401-50611-1 | OT: Ariadne. Zeitreisende soll man nicht aufhalten (D) 

Ariadne kann es nicht fassen: Vor ihren Augen wird ihr Großonkel buchstäblich vom Erdboden verschluckt! Sie ahnt, dass sein Verschwinden mit seinen Zeitsprüngen zusammenhängen muss. Und dass sie die Einzige ist, die ihn retten kann. Dafür braucht sie allerdings die Hilfe von Moritz, der zwar echt süß ist – als Zeitreisender aber nicht gerade talentiert. Und sie haben es mit einem mächtigen Gegenspieler zu tun … (Quelle

Ariadne - Charmant und schlagfertig durch die Zeit

Oh Gott, dieses Buch ist so niedlich. Auf dem im Comicstil gemalten Cover läuft ein kleines Mädchen in einem altmodischen Kleid und modernen Turnschuhen über eine Uhr, dazu gibt es Schnörkel, Blümchen und sanfte Farben. Was für ein Hingucker! Der Klappentext klingt ähnlich charmant, ein bisschen skurril vielleicht, verspricht eine lockere Zeitreisegeschichte, die vielleicht den besonderen "Kick" hat, den die meisten Kollegen im Genre vermissen lassen. Aber hält die Zeitreisende, was uns so lockerfluffig angepriesen wird? Ich sage es, wie es meine Art ist, gleich vorweg: Ja und Nein. "Verliebt in eine Zeitreisende" steckt irgendwo zwischen Kinderbuch und Jugendbuch, eine ganz interessante Herangehensweise, da viele junge Menschen zwischen zehn und vierzehn Jahren selbst genau in dieser Phase zwischen Kind und Jugendlicher stecken. So auch die Protagonistin des Romans, die dreizehnjährige Ariadne. Ariadne ist Ich-Erzählerin und es gelingt Autorin Kirsten John wirklich gut, ihren etwas kindlichen, aber gleichzeitig sehr charmanten, lustigen Tonfall zu treffen. Der Schreibstil ist es, der "Verliebt in eine Zeitreisende" durch seine gekonnten Beschreibungen und den Humor, den nicht nur Kinder lustig finden werden, sondern auch Erwachsene, etwas wirklich Zauberhaftes gibt.

Der Roman ist drollig, witzig, ein bisschen skurril tatsächlich: In der Familie von Ariadne kann jeder irgendetwas Besonderes. Ihre kleine Schwester zum Beispiel kann sich unsichtbar machen, was nicht selten für große Suchaktionen sorgt, da sie noch nicht sprechen kann und man nie so genau weiß, wo sie steckt, ihre ältere Schwester Alex kann mit bloßer Gedankenkraft Feuer erzeugen. Ariadne selbst kann in der Zeit reisen. Jedenfalls theoretisch, denn zu Beginn des Romans springt sie nicht durch die Zeit, sondern nur bis in den Keller, wenn man sie erschreckt. Dann geschieht es aber: Ariadnes geliebter Großonkel, Pluvius, der ebenfalls durch die Zeit reisen kann, wird vor ihren Augen in einen Zeitriss gezogen, nachdem er Ariadne aufgetragen hat ein geheimnisvolles Kästchen zu finden. Ariadne ist sofort klar, dass sie ihre Zeitreisefähigkeit nutzen muss, um ihren Onkel aus der Zeit zu retten - und, dass sie das Kästchen finden muss. Auf dem Grundstück, auf dem sich das Kästchen in der Zukunft verstecken wird, wird allerdings gerade ein neues Haus gebaut und der Sohn der Familie, Moritz, ist zuerst gar nicht begeistert, dass Ariadne dort auftaucht. Doch bald wird beiden klar, dass sie zusammenarbeiten müssen, wenn Ariadne Pluvius retten will und die Jugendlichen kommen einer viel größeren Verschwörung auf die Spur.

Die Figuren sind allesamt liebenswert und, wenn schon nicht lebensecht, dann zumindest sympathisch und interessant gezeichnet. Die Wallensteins als chaotische, magisch begabte Familie haben mir durchaus gut gefallen. Die etwas launische Alex, Ariadnes große Schwester, die Ariadne durchaus auch aushilft, hat mir besonders gut gefallen, aber auch Moritz, der Ariadne bei der Rettung von ihrem Onkel helfen muss, hatte einige tolle Momente. Die Szenen mit Moritz fand ich generell mit am gelungensten. Sie sind leicht und humorvoll, haben mich auch mit über Zwanzig das ein oder andere mal wirklich zum Lachen gebracht, und die Chemie zwischen Ariadne und Moritz, wenn man bei Dreizehnjährigen wirklich davon sprechen möchte, stimmt auf jeden Fall. Und dann ist da natürlich Ariadne selbst, die sich von den Jungs nichts gefallen lässt und immer einen Spruch auf den Lippen hat. Ariadne würde ich sogar als gutes Vorbild für jüngere Leserinnen ansehen, da sie weiß, wie man sich durchsetzt und nichts davon hält, sich kleinreden zu lassen. Was ich sehr schön fand ist, dass Kirsten John Moritz und Ariadne Zeit gibt, sich erst einmal miteinander zu arrangieren und sich anzufreunden, bevor von so etwas wie Liebe oder Verliebtsein überhaupt gesprochen wird.

Deshalb finde ich den Titel des Romans auch ein wenig irreführend, denn so richtig verliebt ist in die Zeitreisende Ariadne eigentlich niemand. Der alte Titel des Romans, "Zeitreisende soll man nicht aufhalten", unter dem die gebundene Ausgabe erschienen war, gefällt mir viel besser, da er auch den lockeren Humor des Romans trifft. Darüber hinaus darf man sich von "Verliebt in eine Zeitreisende" nicht zu viel Tiefgang erwarten. Das soll aber nicht heißen, dass der Roman "anspruchslos" wäre. Besonders die Einbindung alter griechischer Sagen über die Namen der Figuren, die verworrenen Rätsel und wie bereits gesagt der Humor dürften junge wie ältere Leser durchaus begeistern und was ist überhaupt Anspruch? Der Roman macht Spaß, er erzählt durchaus auf gehobenem Niveau eine spannende, märchenhafte Geschichte für Kinder und Jugendliche, die man zwar durchaus nebenbei weglesen kann, aber nicht, ohne hier und da auch mal ein bisschen darüber nachzudenken. Natürlich, "Verliebt in eine Zeitreisende" ist nicht "Rubinrot" (da ist der Vergleich, auf den ihr sicher alle gewartet habt), obwohl man dem Roman schon hier und da anmerkt, dass er aus der Erfolgstrilogie von Kerstin Gier hervorgegangen sein könnte. Aber Ariadnes Geschichte könnte man gut als "Einstieg" in das Genre für jüngere Leserinnen verstehen, bevor sie sich später "Rubinrot" zuwenden und es gibt genug Unterschiede, besonders in der Atmosphäre und der späteren Handlung, das man über mögliche Parallelen gar nicht allzu lang reden muss. Weiter im Text.

Pluvius - Zeitrisse und mittelalterliche Ärgernisse 

Es gibt viele spannende Geheimnisse zu entdecken, von denen die meisten auch zufriedenstellend aufgelöst werden. Zum Beispiel was mit Onkel Pluvius passiert ist, wieso überhaupt Risse in der Zeit entstehen, wieso Ariadnes Mutter ihre magische Fähigkeit verloren hat... doch trotzdem kratzt der Roman bloß an der Oberfläche seiner Figuren, seiner Handlung und ganz besonders der Zeitreisen. Versteht mich nicht falsch. Von einem Kinderbuch erwarte ich auf keinen Fall abgefahrene Zeitreisetheorien oder von vorn bis hinten durchcharakterisierte Figuren. Der Roman soll ja vordergründig Kindern und jüngeren Jugendlichen Spaß machen und das wird er auf alle Fälle tun. Erwachsene könnten einige der Handlungselemente durchaus als zu flach empfinden, aber ich denke, man darf auf keinen Fall vergessen, dass man eben keinen Roman für Erwachsene in der Hand hat, sondern einen für Kinder. Inwiefern alle Inhalte kindgerecht sind, kann ich so genau allerdings gar nicht sagen. Ich denke aber, aber das besonders Kinder, die schon andere Fantasyromane für ihre Altersklasse gelesen haben, an Ariadnes Geschichte nichts zu gruselig oder brutal finden dürften. Es gibt ein paar düstere Szenen, aber alles in allem bleibt "Verliebt in eine Zeitreisende" ein sehr flauschiger, humorvoller Roman, der hin und wieder durch skurrilen Charme zu überzeugen weiß.

Was mir allerdings nicht so gut gefallen hat, sind Ariadnes Zeitreisen selbst. Nicht etwa, weil sie nicht phantasievoll genug gewesen wären. Mein Problem ist eher, dass sie zu phantasievoll waren. Denn "Verliebt in eine Zeitreisende" krankt an den Symptomen, die mir schon ganz andere Zeitreiseromane verleidet haben. Für Ariadne und Moritz geht es ins Mittelalter, hier wollen sie nach einer Lösung des Problems suchen. Allerdings landen sie in einem Mittelalter, das viel eher an bunte Hollywoodfilme und romantisierte Vorstellungen aus dem neunzehnten Jahrhundert erinnert, als an die wahrhaftige Epoche Mittelalter. Das finde ich recht schade - und es macht mich auch ein wenig stutzig - da ich gelesen habe, dass Kirsten John Geschichte studiert hat. Die Vereinfachung und Romantisierung des Mittelalters in "Verliebt in eine Zeitreisende" wirkt daher ein wenig... wie Absicht? Und das fände ich unendlich schade. Natürlich muss man für Kinder und junge Jugendliche keine ellenlangen wissenschaftlichen Abhandlungen zum Thema Mittelalter verfassen. Das Lesen soll Spaß machen. Aber ich bin der Meinung, dass Lesen auch dann Spaß machen kann, wenn die historischen Fakten stimmen und ein durchaus lehrreiches Bild der Epoche gezeichnet wird, nicht einfach irgendwelche Klischees neu aufgewärmt, die sich die jungen Leser dann am besten noch so merken.

Die Menschen des Mittelalters wirken in "Verliebt in eine Zeitreisende" allesamt dumm und wie die letzten Bauerntrottel, was mir überhaupt nicht gefallen hat. Die Menschen der Vergangenheit waren nicht blöder als wir heute, sie waren bloß auf einem anderen gesellschaftlichen Stand. Dass da ein paar Dreizehnjährige in Mutters geliehenem langen Hippierock kommen können ohne, dass die Menschen merken, dass da was ganz und gar nicht stimmt - na ja. Dazu kommt, dass die Leute im Mittelalter irgendeine merkwürdige Sprache sprechen, die Ariadne nicht versteht. Eigentlich finde ich es gut, dass Kirsten John nicht einfach übergeht, dass man im Mittelalter Mittelhochdeutsch gesprochen hat, was man ohne Vorübung heute auch nicht einfach so versteht. Andererseits... war das wirklich Mittelhochdeutsch? Ich möchte mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, ich habe mein Mediävistikstudium nicht ohne Grund abgebrochen, aber ich glaube, doch genug gelernt zu haben, um die "Sprache" in "Verliebt in eine Zeitreisende" als absoluten Kauderwelsch zu erkennen, nicht echtes Mittelhochdeutsch (falls ihr da mehr wisst als ich, bitte melden!). Natürlich kann es einfach sein, dass Ich-Erzählerin Ariadne kein Wort verstanden hat und deshalb einfach wiedergibt, wie sie die Sprache verstanden hat, aber darauf gibt es keinen Hinweis und hängen bleibt, dass die Leute im Mittelalter doof sind und sprechen wie die letzten Idioten. Wieder einmal: Schade.

Moritz - Zeitreisen und Liebesdreiecke

Natürlich haben Autoren keine Verpflichtung ihren jungen Lesern etwas beizubringen, aber wenn schon historisch, wieso dann nicht Spaß mit richtigen Fakten verbinden, wieso eine historische Epoche auf der einen Seiten romantisieren und auf der anderen a la Hollywood verdrehen und mit Absicht falsch darstellen? Von einer studierten Historikerin, die Frau John ja zu sein scheint, hätte ich einfach mehr erwartet und die albernen, teils völlig versimpelten Darstellungen des Mittelalters haben mir einen ansonsten wirklich charmanten, lustigen, liebenswerten Roman in weiten Teilen verdorben. Zeitreiseromane lese ich, weil mir der starke Kontrast zwischen heute und gestern gefällt. Ich will mit den Helden zusammen in die Vergangenheit stürzen können, eine andere Epoche hautnah erleben können. Aber mit "Verliebt in eine Zeitreisende" ist das leider nicht drin und da verliert der Roman als Zeitreiseroman irgendwie seinen Reiz für mich. Wer mit so etwas keinerlei Probleme hat und über große Löcher im historischen Teppich hinwegsehen kann, der wird sicherlich sehr viel mehr Spaß mit diesem Teil des Romans haben als ich. Gott sei Dank blieben für mich jedoch noch der wunderschöne Schreibstil, die tollen Rätsel und die ganz und gar skurril-charmante Atmosphäre in Ariadnes Gegenwart, um den Roman lesenswert bleiben zu lassen.

Ein anderer Punkt, der mich jedoch auch gestört hat, ist sicherlich auch nicht unter den Teppich zu kehren. Moritz und Ariadne bekommen nämlich Hilfe aus der Vergangenheit: Sie reisen in die 1960er Jahre und holen Onkel Pluvius ab - hier gerade einmal vierzehn Jahre alt - damit er ihnen helfen kann, sein älteres Ich zu retten. Wie das logisch betrachtet funktioniert, weiß ich nicht, darum geht es mir jetzt aber auch nicht. Viel eher darum, dass sich zwischen Ariadne, Moritz und Pluvius tatsächlich ein Liebesdreieck abzuzeichnen beginnt. Wie gesagt, so richtig verliebt sich in diesem ersten Teil noch niemand, aber die Ansätze sind gut sichtbar. Ich kenne auch bereits den zweiten Teil der Reihe, der meinen Verdacht leider auch nur weiter bestätigt hat. Und ich muss ehrlich sagen, dass ich das absolut merkwürdig finde. Ja, der Pluvius, den Ariadne kennen lernt, ist vierzehn Jahre alt und es spricht nichts dagegen, dass sie sich mit ihm befreundet... wäre er nicht die jüngere Version ihres Großonkels, den sie schließlich sehr gut kennt. Ich weiß nicht, dass Ariadne mit ihrem jüngeren Großonkel aus der Vergangenheit anzubändeln beginnt, löst in mir einfach erst ein sehr großes Fragezeichen aus und dann ein noch viel größeres "Nein, bitte nicht". Ich bin also auf jeden Fall "Team Moritz", nicht nur, weil der nicht mit Ariadne verwandt ist, auch, weil der in Ariadnes Zeit nicht jenseits der 50 Jahre ist. Die Wahl fiel mir jetzt nicht so schwer und ich hoffe sehr, dass Ariadne auch so überlegt und entscheidet, sollte es jemals einen dritten Teil geben.

Zielgruppenempfehlung: Der Arena-Verlag empfiehlt den Roman ab 10 Jahren, was ich durchaus so unterschreiben würde. Allerdings kommt das natürlich ganz auf das entsprechende Kind an. Kinder in dem Alter, die bisher vielleicht lieber kürzere, einfachere Bücher gelesen haben, könnten mit "Verliebt in eine Zeitreisende" vielleicht noch nicht so viel anzufangen wissen, denn obwohl es sich um ein Kinderbuch handelt, sind einige Teile der Geschichte durchaus sehr komplex. Ich würde den Roman allen Kindern und jüngeren Jugendlichen empfehlen, die Fans von Fantasygeschichten sind, aber auch allen Erwachsenen, die bereit sind, sich auf einen Kinderroman einzulassen und sich an merkwürdig verdrehten historischen Epochen nicht allzu sehr stören.

Fazit: Mit "Verliebt in eine Zeitreisende" legt Kirsten John einen sehr charmanten, oft humorvollen und skurrilen Kinder- und Jugendroman vor, der durch seine junge Heldin besticht und durchaus zu verzaubern weiß. Ein bisschen schade ist bloß das ganz merkwürdig dargestellte Mittelalter, das immer seltsam distanziert bleibt und nicht dazu einlädt, sich mit Ariadne zusammen in eine andere Epoche fallen zu lassen. Darüber hinaus überrascht der Roman allerdings mit einem wirklich schönen Schreibstil, sympathischen jungen Figuren, haufenweise spannenden Rätseln und einer interessanten magischen Welt, die zwar nicht so sehr ausgearbeitet ist, wie sie sein könnte, aber trotzdem in ihren Bann zu schlagen weiß. Hätte mir der historische Teil des Romans besser gefallen, hätte ich vielleicht die volle Punktzahl gegeben, denn mit den in der Gegenwart spielenden Passagen des Romans habe ich eine sehr schöne Zeit verbracht. Leider gilt das jedoch nicht für die Zeitreisen, weshalb ich einen Stern abziehe und insgesamt vier von fünf Sternen für diesen im Großen und Ganzen doch gelungenen Kinder- und Jugendroman gebe, der sicherlich auch viele Erwachsene bezaubern kann.

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