Sonntag, 18. Oktober 2015

[Top 6] Cami liebt: Halloween


Endlich ist wieder Oktober. Die Blätter werden bunt und fallen, der Himmel ist meistens grau und es wird früh dunkel. Der Wind ist kalt und die Luft riecht nach Kaminrauch. Falls ihr den Herbst genauso liebt wie ich, dann wisst ihr sicherlich, dass er die perfekte Jahreszeit zum Lesen ist. Und was könnte man im Gruselmonat Oktober besser lesen, als Grusel- und Horrorromane? Heute möchte ich euch ein paar schöne, unheimliche Romane für die letzten Tage bis Halloween vorstellen, um auch euch in die richtige Gruselstimmung zu bringen, bis es wieder heißt: "Süßes oder Saures!" Ich habe mir bei der Auswahl der Titel auf dieser Liste vorgenommen, mindestens einen unheimlichen Roman für jeden Halloweenlesetyp aufzunehmen. Ob mir das gelungen ist? Ich hoffe es sehr, hier sind meine Top 6 der besten Romane für die Herbst- und Halloweenzeit. 

Platz 5: "Schweigt still die Nacht" von Brenna Yovanoff 

Schweigt still die Nacht | Einzelband | 368 Seiten | script5 | ISBN 978-3-8390-0127-1 | OT: The Replacement (USA) | Verlagsseite | Mystery, Horror

Auf den ersten Blick wirkt Mackie Doyle wie ein ganz normaler Teenager aus der amerikanischen Provinz. Doch Mackie ist kein normaler Teenager. Er ist nicht einmal ein Mensch. Mackie ist ein Wechselbalg. Als Baby haben ihn die Feen, die unter der Erde leben, in der Wiege eines menschlichen Kindes zurückgelassen und das Kind entführt. Mackie und seine Familie versuchen seit jeher ein normales Leben zu führen, doch das ist nicht immer leicht. Als dann die kleine Schwester seiner großen Liebe Tate ebenfalls von den Feen entführt wird, weiß Mackie, dass es Zeit ist, sich endgültig eine der beiden Seiten auszusuchen. "Schweigt still die Nacht" ist der Debütroman der amerikanischen Autorin Brenna Yovanoff und hat es sogleich in sich. Die Atmosphäre ist durchgängig düster und abgedreht, die Feen und die anderen dunklen Wesen, die mehr oder minder unbemerkt in Gentry leben, sorgen für nicht wenige gnadenlos gruselige Lesemomente. Wer skurrilen Grusel mag, ein bisschen Gothic-Atmosphäre und wie ich nicht genug von dunklen Feengeschichten bekommen kann, der liegt mit "Schweigt still die Nacht" diesen Oktober genau richtig!

Was mir an "Schweigt still die Nacht" besonders gut gefällt, ist der sehr düstere und komplexe Blick auf alte Feenmythen aus Zeiten, in denen Feen noch keine geflügelten Helferlein waren, sondern hinterlistige, dunkle Kreaturen - und das erzählt aus der Sicht einer solchen Fee! Brenna Yovanoff spielt mit alten Feengeschichten und sehr finsteren Elementen. So siecht der sechzehnjährige Mackie unaufhaltsam in der Menschenwelt dahin, da er auf Eisen, Blut und heiligen Boden hochgradig allergisch reagiert. Auch sehr interessant fand ich den Umgang von Mackies Familie mit dem Raub ihres echten Babys. Sie wissen, dass Mackie nichts dafür kann, was passiert ist und lieben ihn, als wäre er der echte Mackie, doch besonders spannend wird es, wenn die Zweifel durchschimmern. Das alles sorgt für eine umwerfend dunkle Atmosphäre, noch bevor der Roman überhaupt in die Unterwelt entführt, wo es schwarze Tümpel gibt, wandelnde Tote und weitere gruselige Kreaturen. Was aber den besonderen Grusel von "Schweigt still die Nacht" ausmacht ist, dass es Brenna Yovanoff gelingt getreu alter Gothic-Traditionen eine komplexe Welt zu erschaffen, die in Graustufen daherkommt und nicht nur schwarzweiß. In der Unterwelt sind nicht alle Kreaturen böse - doch genauso gibt es an der Oberfläche, in Gentry, der Kleinstadt, die seit Jahrzehnten mit dem Geheimnis um die Feen lebt, düstere Geheimnisse zu entdecken. Wer Spaß an makaberem Grusel, dunklen Feen, ein bisschen Mystery und Kleinstädten mit dunklen Geheimnissen hat, sollte sich "Schweigt still die Nacht" dieses Halloween nicht entgehen lassen!

Als kleine Bonusempfehlung für alle, die gut Englisch lesen, möchte ich noch Brennas neueren Roman "Fiendish" empfehlen. Platz 4.5 sozusagen. "Fiendish" ist eine ganz klassische, furchtbar gruselige Southern-Gothic-Geschichte, rund um Clementine DeVore, die zehn Jahre im Keller eines alten Hauses gefangen gehalten wurde, festgehalten durch die Wurzeln alter Weidenbäume. Jetzt, da Clementine frei ist, will sie herausfinden, wer sie damals eingesperrt hat - und weshalb. Doch New South Bend hat sich während Clementines Abwesenheit verändert. Es ist gefährlich geworden, ein Ort voller Schrecken und Angst. Und Clementines Befreiung scheint alles nur noch schlimmer zu machen. Wer "Schweigt still die Nacht" bereits kennt oder einen ähnlichen Roman sucht, der noch ein wenig perfider und unheimlicher daherkommt oder einfach gern eine dicht erzählte Southern Gothic zu Halloween lesen möchte, liegt mit "Fiendish" genau richtig!

Platz 4: "Darkest Powers - Schattenstunde" von Kelley Armstrong

Schattenstunde | Darkest Powers #1 | 416 Seiten | Knaur | ISBN 978-3-426-50780-3 | OT: The Summoning (USA) | Verlagsseite | Horror, Urban Fantasy

Als Chloe Saunders vierzehn Jahre alt ist, sieht sie zum ersten Mal in ihrem Leben einen Geist - und der Geist sieht sie. Plötzlich ist die Welt voll von Geistern und niemand will Chloe glauben, dass die unheimlichen Toten, die sie verfolgen, nicht nur in ihrem Kopf existieren. Plötzlich findet sie sich in Lyle House wieder - einem Auffangbecken für Jugendliche mit Problemen. Zuerst scheint alles mit rechten Dingen zuzugehen, doch dann fällt Chloe auf, dass all ihre neuen Mitbewohner merkwürdige Angewohnheiten und Geheimnisse zu haben scheinen. Genau, wie sie selbst. Etwas stimmt nicht mit Lyle House. Chloe versucht, die Geheimnisse des Hauses zu entschlüsseln - bevor seine Geister sie auf ewig heimsuchen. "Schattenstunde", der erste Band der Darkest-Powers-Trilogie von Kelley Armstrong, sollte Freunde von Horror und Grusel nicht aufgrund des jungen Alters der Protagonistin abschrecken, denn die Geister, denen Chloe begegnet, sind alles andere als harmlos. Die Darkest-Powers-Reihe gehört nun seit mehreren Jahren zu meinen absoluten Lieblingsbüchern, ganz besonders in der Zeit um Halloween. Denn die Romane haben es in sich. 

Kelley Armstrong erschafft mit Lyle House ein Setting, dass nach ganz klassischen Horrormustern funktioniert: Zuerst scheint alles ganz normal zu sein, sicher, doch dann bricht die Wahrheit über die Protagonisten herein. Was mir an "Schattenstunde" so gut gefällt, ist der absolut surreale Sog, den der Roman von Seite Eins an auslöst. Der Roman beginnt mit einem Prolog, der gleich so einsteigt, wie "Schattenstunde" kontinuierlich weitermacht: Unheimlich, merkwürdig, absolut spannend. "Schattenstunde" ist auf der anderen Seite allerdings durchaus ein Jugendbuch: Chloe möchte neue Freunde finden, verliebt sich, wäre gern ein ganz normaler Teenager. Kelley Armstrong gelingt es allerdings, diesen Teil der Geschichte ohne Schwierigkeiten in die düstere Haupthandlung zu integrieren und wer glaubt, der Jugendbuchaspekt könnte die bösen Geister, ihre furchtbaren Tode, die Chloe miterleben muss, oder die düsteren Machenschaften in Lyle House abschwächen, der liegt falsch. 

Empfehlen würde ich "Schattenstunde" allen Lesern, die auf der Suche nach nervenaufreibendem Grusel sind, düsteren Rätseln und Geheimnissen, schonungslos erzählten Schicksalsschlägen und Begegnungen mit dem Tod, aber auf klassische Jugendbuchelemente trotzdem nicht verzichten möchten. Darüber hinaus würde ich empfehlen, die Nachfolgebände "Seelennacht" und "Höllenglanz" gleich im Anschluss zu lesen. Nicht nur, weil "Schattenstunde" so spannend ist, dass man nicht genug von Chloes Geschichte bekommen kann, auch, weil der Sog der Trilogie in Band II und III epische, abgrundtief düstere, faszinierende Ausmaße annimmt, der besser wirkt, wenn man alle Bücher auf einen Schlag liest. Auch hier gibt es eine Bonusempfehlung von mir. Nach Ende der Darkest-Powers-Reihe begann Kelley Armstrong eine neue gruselige Jugendbuchreihe: Die Darknes--Rising-Reihe, die mit "The Gathering" beginnt. Erzählt wird diese Trilogie aus der Sicht der sechzehnjährigen Maya, die auf einer kleinen Insel vor Kanada lebt, einer ruhigen Gemeinde, in der plötzlich merkwürdige Todesfälle die Harmonie zerstören. "The Gathering" ist in derselben Tradition erzählt, wie "Schattenstunde", ähnlich düster und atmosphärisch. Obendrein ist Ich-Erzählerin Maya Native American und die Traditionen und alten Geschichten der Ureinwohner Amerikas spielen eine große Rolle in "The Gathering". Wer also ein etwas diverseres Halloweenerlebnis rund um die dunklen Wälder von Kanada, die Geheimnisse einer kleinen Stadt und rätselhafte Mordfälle vorzieht, sollte zu "The Gathering" greifen, das allerdings auch bloß auf Englisch erschienen ist. 


Platz 3: "Rauch und Spiegel" von Tanya Huff

Rauch und Spiegel | Tony Foster #2 | 460 Seiten | Feder & Schwert | ISBN 9783937255965 | OT: Smoke & Mirrors (CAN) | Verlagsseite | Urban Fantasy, Horror

Zugegeben: "Rauch und Spiegel" ist Band II der Reihe um Tony Foster, die mit "Rauch und Schatten" begonnen hat (Rezension folgt). Wo "Rauch und Schatten" allerdings pure Urban Fantasy ist, verlässt Tanya Huff das Genre mit "Rauch und Spiegel" ein Stück weit und widmet sich ganz klassischem Spukhaushorror, der nicht nur zu überzeugen weiß, sondern auch zu gruseln. Ich werde natürlich Band I der Reihe nicht spoilern. Ich denke, man kann "Rauch und Spiegel" auch lesen und verstehen, ohne "Rauch und Schatten" zu kennen, ich würde euch allerdings raten, den ersten Band trotzdem vorher zu lesen - schon allein, weil er ein spannendes, skurriles Leseerlebnis ist, das einfach Spaß macht. Den trockenen Humor aus "Rauch und Schatten" nimmt Tanya Huff trotz des Grusels auch in "Rauch und Spiegel" mit, was der Grund ist, weshalb ich den Roman in diese Liste aufgenommen habe, obwohl er eine Fortsetzung ist: Leser, die nach Grusel und Geistergeschichten suchen, die zum Lachen bringen können, ohne, dass der Grusel abgeschwächt wird, liegen hier nämlich genau richtig.

Tony Foster arbeitet bei der Produktion einer kanadischen Vorabendserie über einen Vampirdetektiv mit - was er selbst durchaus ironisch findet, da sein Exfreund Henry ein echter Vampirdetektiv ist. Die neue Folge der Serie soll in einem verlassenen Haus etwas außerhalb von Vancouver gedreht werden, in dem es angeblich spukt. Und kaum hat das Filmteam das Haus betreten, muss es einsehen, dass an den Geschichten viel Wahres ist. Denn die Türen lassen sich nicht mehr öffnen, die Serienstars sind neben Maskenbildnern, Produktionsassistenten, Kameramännern, den zwei kleinen Töchtern des Chefs und dem Regisseur im Haus gefangen, bis die Nacht vorüber ist. Doch nicht nur das: Das Haus scheint zu leben - und es beginnt zu töten. Band II der Tony-Reihe hat mich ziemlich überrascht. Ich hatte nach Band I keinen Horrorroman erwartet, habe mich aber positiv von "Rauch und Schatten" überraschen lassen. Der Roman funktioniert nach ganz klassischen Spukhaushorrorgeschichten und bald macht sich Tony auf die Suche nach der Ursache des Spuks und der vielen grausamen Tode, die über die Jahrzehnte im Haus geschehen sind. Denn im Gegensatz zu den anderen kann Tony die Toten, deren Tode sich jede Stunde wie ein Film erneut abspielen, sehen.

Neben dem Gänsehautgrusel, der für eine tolle Lesenacht im Oktober gut geeignet ist, überzeugt der Roman großteils durch seinen trockenen Humor und die geladenen Dialoge, zwischen den im Haus Gefangenen, die schon ihre Spannungen untereinander haben, wenn sie nicht die Nacht zusammen in einem Spukhaus verbringen müssen. Ganz toll finde ich auch die Dynamik zwischen Tony und Lee, dem Co-Star der Serie, in den Tony bereits seit Band I verliebt ist, sowie die Abgründe der anderen Gefangenen, die sich immer weiter auftun, bis einige an ihre Grenzen geraten. Tanya Huff weiß, wie man klassischen Horror schreibt und zudem mit Witz verbindet, eine Mischung, die nicht jedem Autoren gelingt. "Rauch und Spiegel" dürfte ein toller Halloweenlesespaß für alle Leser werden, die klassische Spukhausgeschichten mögen, aber nicht auf interessante, sorgsam ausgearbeitete Figuren und Humor verzichten möchten. Band I, "Rauch und Schatten", zu lesen ist kein Muss, um "Rauch und Spiegel" zu verstehen, ich empfehle es aber trotzdem.  

Platz 2: "Schlaf nicht ein" von Michelle Harrison

Schlaf nicht ein | Einzelband | 480 Seiten | Löwe | ISBN 978-3-7855-7726-4 | OT: Unrest (GB) | Verlagsseite | Grusel, Horror, Mystery

Seit dem Unfall, der ihn beinahe das Leben gekostet hat, hat der siebzehnjährige Elliott nicht richtig geschlafen. Manchmal ist er wie paralysiert, kann sich nicht bewegen, während die Schatten im Zimmer umherwandern, manchmal ist er selbst derjenige, der umherwandert, während sein Körper reglos auf dem Bett liegt. Die Ärzte sagen, Schlafparalyse und Albträume sind ganz normal und harmlos - aber vielleicht steckt in Elliotts Fall etwas anderes dahinter. Elliott ist sicher, dass sein Nahtoderlebnis ihm ein Tor in die Geisterwelt geöffnet hat und er will herausfinden, was es damit auf sich hat. Doch eines Nachts, als er erneut seinen Körper verlässt, kehrt er zurück und stellt fest, dass sein Körper verschwunden ist. Etwas Dunkles, Totes hat sich seiner bemächtigt. Und es will Ophelia, das Mädchen, in das Elliott sich verliebt hat. Mit "Schlaf nicht ein" legt Michelle Harrison, bekannt durch ihre düsteren Feenromane, ein schauriges Horrorabenteuer vor, das Freunde von Gänsehaut, nervenaufreibende Spannung, Geistergeschichten und englischem Grusel das Herz höher schlagen lassen wird. 

"Schlaf nicht ein" ist nicht harmlos. Michelle Harrison hat schon in ihren Feenromanen, die mit der 12-jährigen Heldin eher für jüngere Jugendliche und Kinder geschrieben sind, ihren Hang zum Dunklen und Gruseligen bewiesen. Hier beweist sie, was sie auf dem Gebiet wirklich kann: "Schlaf nicht ein" kann furchtbar gruselig sein, traurig, brutal, spannend... es hinterlässt eine Gänsehaut, lange nachdem man den Roman ausgelesen hat und, wer allein im Dunkeln liest, sollte sich ganz nach Elliotts Vorbild auf ein paar schlaflose Nächte vorbereiten. Mich hat nicht nur der Name Michelle Harrison zu "Schlaf nicht ein" gezogen, sondern auch das Thema des Romans. Schlafparalyse ist ein kaum bekanntes Phänomen, das allen Betroffenen aber nur zu bekannt ist: Der Körper schläft noch, aber der Geist ist wach, und die Albtraumwesen, die man während dieses Zustands durchs Zimmer schleichen sieht, wirken völlig real. Schlafparalyse ist harmlos, wie Elliotts Ärzte sagen, aber es ist unheimlich, es ist furchtbar. Dass Michelle Harrison aus diesem Phänomen einen Horrorroman gesponnen hat, hat mich als öfter davon Betroffene fasziniert und spätestens nach den ersten Kapiteln begeistert. Auch interessant und unbedingt hervorzuheben ist die Figur der Ophelia, die Elliott, der durchaus gern mal sexistische Kommentare macht, immer wieder in seine Schranken verweist, bis er gelernt hat, dass man mit Mädchen nicht so umgeht. Diesen Konflikt einmal erzählt aus der Perspektive des Jungen fand ich auch sehr spannend. Alles zusammen macht aus "Schlaf nicht ein", einen schonungslos gruseligen, tollen Geisterroman mit viel englischem Flair und dem Potential, schlaflose Nächte zu bescheren. 

Platz 1: "Verflucht" von Victoria Schwab

Verflucht | Einzelband | 320 Seiten | Heyne fliegt | ISBN: 978-3-453-53431-5 | OT: The Near Witch (USA) | Verlagsseite | Grusel, Gothic, Paranormal Romance

Die Hexe ist bloß eine alte Geschichte, die Kindern Angst machen soll. Wenn der Wind ruft, darfst du nicht hinhören, denn der Wind ist einsam und sucht nach Gesellschaft. Es gibt keine Fremden in Near. Lexi hört diese Worte, seit sie sehr klein war, immer wieder. Doch als im Moor hinter ihrem Haus ein fremder Junge auftaucht, weiß sie, das zumindest einer der Sprüche nicht länger wahr ist. Und plötzlich verschwinden Nachts Kinder aus ihren Betten. Lexi macht sich auf die Suche nach der rätselhaften Hexe, nach den Kindern, nach dem Wind, der Nachts durch die Wände spricht, und nach der Geschichte des namenlosen Jungen. "Verflucht" ist der Debütroman von Victoria Schwab, die mittlerweile eher für ihre anderen Romane bekannt ist, und ein märchenhaft gruseliger Roman rund um ein altes Moor, die Legende um die Hexe von Near und eine Liebesgeschichte. "Verflucht" ist weniger gruselig, als düster-schaurig, romantisch auf die beste Art, und genau der richtige Roman für neblige, dunkle Herbsttage. 

"Verflucht" ist nicht nur wunderschön erzählt, sondern auch komplex aufgebaut, spannend und voller schaurigschöner Momente nach alter Gothic-Tradition: Eine Stadt voller Geheimnisse, eine Hexe im Moor, verschwundene Kinder, ein merkwürdiger Junge, der im Nebel auftaucht und verschwindet, wie es ihm beliebt, dessen Namen Lexi nicht kennt und den sie manchmal atmen hören kann, obwohl er nicht im Raum ist. Leser, die nicht auf der Suche nach Horror und finsterem Grusel sind, sondern eher romantische Schauerliteratur suchen oder vielleicht einen Jugendroman im Stil von "Jane Eyre" oder "Die Frau in Weiß" im modernen Gewand, sollten unbedingt zu "Verflucht" greifen. Auch Leser, die gern Liebesgeschichten lesen, aber einer dunklen, schaurigen Atmosphäre nicht abgeneigt sind, dürften in "Verflucht" ihr Halloweenlesefutter finden. Mit seinen 320 Seiten ist der Roman rund um die Hexe von Near, den mysteriösen Jungen und den flüsternden Wind außerdem ein schnelles, spannendes, atmosphärisches Leseabenteuer für die letzten dunklen Herbsttage vor Halloween. Interessant finde ich auch Schwabs Umgang mit Sexismus in einer kleinen amerikanischen Stadt, in der jeder von Lexi erwartet einen bestimmten Jungen zu heiraten und sich mit dem Leben als Hausfrau zufrieden zu geben, was Lexi nicht will. Diese durchaus ernsten Untertöne machen aus "Verflucht" ein komplexes Schauermärchen, das zu überzeugen weiß. 

Halloweenbonus: "Long Lankin" von Lindsey Barraclough 

Long Lankin | Long Lankin #1 | 464 Seiten | Bodley Head | ISBN: 9780370331966 | nur Englisch | Verlagsseite | Horror, Gothic, Historischer Roman 

Hab Acht vor Long Lankin! Kurz nach dem zweiten Weltkrieg werden Cora und ihre kleine Schwester Mimi aus London fortgeschickt, in das isolierte Dorf Byers Guerdon. Doch auch hier sind sie nicht willkommen: Tante Ida ist kühl und exzentrisch, ihr altes Herrenhaus verkommen und unheimlich. Immer müssen die Fenster geschlossen bleiben und Cora und Mimi ist es verboten, zu der alten Kirche zu gehen, wo die anderen Kinder spielen. Doch was die beiden Mädchen nicht wissen ist, dass Idas Leben das letzte Mal, dass zwei junge Mädchen sie besucht haben, komplett zerstört wurde. Ida will unbedingt verhindern, dass das Böse, das über das Marschland schleicht, Cora und Mimi in die Finger bekommt. Bald taucht Cora ein in die dunklen Geheimnisse von Byers Guerdon, die das Dorf seit Jahrhunderten im Griff haben. "Long Lankin" ist der Debütroman der britischen Autorin Lindsey Barraclough und einer der unheimlichsten Romane, die ich je gelesen habe. Gäbe es eine deutsche Ausgabe, hätte ich den Roman in die Liste integriert, doch da der Roman nur auf Englisch erschienen ist, stelle ich ihn euch als Halloweenbonus gesondert vor. 

Mit "Long Lankin" legt die Autorin einen umwerfend atmosphärischen, zum Fürchten unheimlichen historischen Roman vor, der auf ein Dorf in England entführt, in dem die Zeit stehengeblieben scheint. Das historische Setting der 50er Jahre macht den Roman nur unheimlicher, da Byers Guerdon komplett isoliert wirkt, die Menschen noch klare Erinnerungen an den zweiten Weltkrieg haben und das Dorf noch an die Zeit vor Strom, Telefon, Fernseher und globaler Verknüpfung erinnert. Erzählt wird der Roman aus mehreren Ich-Perspektiven: Cora, Tante Ida und ein Junge aus dem Dorf, Roger, erzählen abwechselnd was in Byers Guerdon vor sich geht und wie es dazu gekommen ist, was mir sehr gut gefallen hat, weil die drei Perspektiven unterschiedlicher nicht sein könnten und verschiedene Aspekte der Geschichte beleuchten. Das Hauptaugenmerk liegt natürlich auf dem Titel gebenden Long Lankin, einer Gruselgestalt aus uralten englischen Sagen. Ich möchte nicht zu viel verraten, doch ich kann sagen, dass "Long Lankin" ein Roman für diejenigen unter euch ist, die nach Grusel suchen, der nicht mehr loslässt. Ich habe den Roman vor einiger Zeit gelesen, doch der Gedanke an Long Lankin, verkommene Herrenhäuser voller geheimer Räume, das abgeschiedene englische Marschland und verlassene Kirchen und Friedhöfe bereitet mir immer noch Gänsehaut.

Noch mehr Gruselspaß? Aus unserem Archiv:


"Blutige Scherben" von Helen Grant

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