Dienstag, 8. September 2015

"Die Spione von Edinburgh : Thimble House" - Romy Wolf

Link zur Verlagsseite 
Thimble House | Die Spione von Edinburgh #1.1 | ca. 70 Seiten | Weltenschmiede | ISBN 978-3-944504-18-6 | eBook

Durch Zufall gerät das Dienstmädchen Ada, die weder ihre Vergangenheit noch ihren richtigen Namen kennt, in die Ereignisse um das mysteriöse Thimble House hinein und muss schon bald um ihr Leben fürchten. Wer ist der Verrückte, der nachts immer auf dem Dachboden tobt und zu dem nie jemand hinauf darf? Und was ist mit den Séancen, die regelmäßig in Thimble House stattfinden und von denen erzählt wird, man könne dort tatsächlich Kontakt zu den Toten herstellen? Ada versucht, dem Räsel auf die Spur zu kommen. Unterstützt wird sie von ihrem besten Freund Ollie,  der seit frühster Kindheit gelähmt ist – und schrecklich in Ada verliebt. Zu spät findet Ada heraus, dass ihr Schicksal auf grauenhafte Weise mit dem des Verrückten auf dem Dachboden verbunden ist … (Quelle)

Edinburgh – Kurzer Roman, viel Geschichte 

Huch, bloß knapp 70 Seiten? So oder so ähnlich sah meine erste Reaktion auf Romy Wolfs „Thimble House“ aus und ich ahne, dass viele Leser vielleicht erst einmal ähnlich verdutzt reagieren. Allerdings sollte man sich im Falle dieser ersten Episode einer eBook-Reihe nicht zu lange wundern, sondern einfach mit dem Lesen beginnen. Denn „Thimble House“ ist kein Roman in dem Sinne, sondern die erste Folge einer eBook-Serie, die ähnlich funktioniert wie Fernsehsendungen mit mehreren Folgen pro Staffel. Ein interessantes neues Konzept, das mir persönlich bisher wirklich gut gefällt! So umfasst auch die erste Staffel der „Spione von Edinburgh“ vier Episoden und „Thimble House“ ist der mitreißende Auftakt. Ohne viel Versehen zieht der Kurzroman seine Leser in die Welt von Ada und Ollie Quinn: Das Edinburgh des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts. „Thimble House“ liest sich wie eine klassische Schauergeschichte aus eben jener Zeit, was in diesem Falle durchaus ein Kompliment sein soll. Wer Geschichten rund um alte Herrenhäuser mag und von düsteren Machenschaften nicht genug bekommen kann, der ist bei „Thimble House“ genau richtig.

Wem der Sinn jedoch trotzdem nach mehr Inhalt steht, kann sich natürlich auch die Taschenbuchausgabe der Geschichte zulegen, die rund 160 Seiten umfasst. Ich persönlich habe die gedruckte Ausgabe leider noch nicht gelesen, weshalb ich nicht sagen kann, inwiefern sich der Inhalt von dem der eBook-Ausgabe unterscheidet, weshalb ich heute erst einmal nur das eBook rezensieren möchte. Ich habe es auf einer zweistündigen Zugfahrt in einem Rutsch verschlungen und wollte gar nicht mehr auftauchen aus diesem Edinburgh, weshalb ich ziemlich froh war, dass ich die zweite Episode, „Metamorphose“, bereits auf dem eReader hatte. Romy Wolf entführt ihre Leser regelrecht ins spätviktorianische Edinburgh und setzt die Stadt und die Epoche mit bloß wenigen Worten sehr gekonnt in Szene. Ich finde das Setting überraschend erfrischend gewählt. Meist spielen Geschichten nach dieser Art in der Metropole London und mir will im Moment wirklich bloß „Die Augen der Heather Grace“ von David Pyrie einfallen, das ebenfalls im Edinburgh des späten neunzehnten Jahrhunderts angesetzt ist. Obendrauf entwickelt „Thimble House“ bald einen ganz eigenen Charme, der der Geschichte eine sehr dichte, eigene Atmosphäre verleit.

Obwohl große Teile der Handlung im titelgebenden Herrenhaus Thimble House stattfinden, bleibt Edinburgh immer greifbar und spürbar, originell und nicht austauschbar. Man merkt der Geschichte wirklich an, dass die Autorin und die Stadt in Schottland anscheinend einiges verbindet. Doch auch Thimble House und seine ganz eigenen Bewohner haben mir sehr gut gefallen. Wie nebenbei erfährt man trotz der geringen Seitenzahl eine Menge über Séancen und Spiritismus um die vorletzte Jahrhundertwende, einen Trend, den es wirklich gegeben hat, doch auch über das Leben und die Hierarchien in einem großen Herrenhaus zu dieser Zeit gibt es einige elegant in die Handlung eingeflochtene Informationen. Somit dürfte „Thimble House“ auf wenigen Seiten tatsächlich eine größere Leistung erbringen als manch anderer historischer Roman: Dem Kurzroman gelingt es, die Epoche zum Leben zu erwecken und authentisch, aber trotzdem greifbar und nachvollziehbar zu schildern. Dazu kommt der wohlige Grusel, der mitschwingt, wenn es um den Verrückten auf dem Dachboden geht oder die Mordreihe, die Edinburgh in den letzten Wochen heimgesucht hat. Beide Elemente lassen sich nicht selten in den Fortsetzungsromanen des späten neunzehnten Jahrhunderts finden und das fand ich besonders schön, da Ada Ollie aus genau diesen Romanen öfters vorliest.

Ada und Ollie – Liebenswerte Helden, interessante Schicksale 

Wo ich schon bei Ollie Quinn bin, möchte ich auf ihn gern genauer eingehen. Er hat mir von allen Figuren in der Novelle am besten gefallen. Zusammen mit seinem Vater findet er zu Beginn der Geschichte die junge Ada, die ihr Gedächtnis verloren hat, und obwohl sie selbst arm sind, nehmen sie sie in die große Familie auf. Ollie ist kränklich und gelähmt, er kann nicht laufen und verbringt die meiste Zeit im Bett. Ich fand seine Behinderung sehr gut dargestellt, denn trotz der Einschränkungen, die er im viktorianischen Edinburgh erlebt, lässt Ollie sich nicht unterkriegen und hilft Ada sogar auf seine Weise bei der Auflösung des Geheimnisses. Ollie ist eine facettenreiche, interessante Figur und wird nicht über seine Behinderung definiert, sondern zum Beispiel über seine Liebe zu den Fortsetzungsromanen in der Zeitung oder seinem Sinn für jede Art von Rätsel. Ich habe Ollie sofort lieb gewonnen und finde Figuren wie ihn darüber hinaus auch sehr wichtig. Besonders im historischen Roman. Es gibt noch immer viel zu wenige Figuren, die trotz einer Behinderung oder einer schweren Krankheit als positive, interessante Menschen gezeichnet werden und trotz den Hindernissen, die ihnen ihre Gesellschaft in den Weg legt, ihren Humor nicht verlieren. Ollie aber ist genau so eine Figur. Romy Wolf schildert authentisch und positiv, wie er und seine Familie mit seiner Behinderung und seiner Krankheit umgehen, was mir wirklich gut gefallen hat.

Aber auch Ada hat mir als Heldin des Kurzromans sehr gut gefallen. Sie ist eine intelligente junge Frau, hat eindeutig das Herz am rechten Fleck und scheut sich nicht nachzuforschen, wenn ihr etwas merkwürdig vorkommt. Trotzdem ist sie durchaus auch ein Kind ihrer Zeit, was ich sehr schön zu lesen fand. Ada hat Gewissensbisse, weil sie glaubt, den Quinns auf der Tasche zu liegen, und möchte gern selbstständig sein und genug Geld verdienen, um die Familie entlasten zu können. Deshalb nimmt sie die Arbeit als Hausmädchen in Thimble House an, die ihr zu Beginn unter recht merkwürdigen Umständen angeboten wird. Ada ist außerdem das Mädchen ohne Vergangenheit und ich bin wirklich gespannt, was es damit auf sich hat, denn dieses Geheimnis zieht sich natürlich über die erste Episode der Reihe hinaus. Ada und Ollie verbindet obendrauf eine ganz tolle, deutlich spürbare Chemie. Man kann richtig merken, wie gern die beiden sich haben und wie gut sie sich kennen. Diese enge Freundschaft zwischen den beiden Figuren gibt der Geschichte eine ganz eigenartige Wärme, die wirklich zu Herzen geht und den Leser ganz für sich einzunehmen weiß.

Thimble House - Dichte Atmosphäre, klare Empfehlung 

Die Handlung rund um Thimble House fand ich persönlich, die ich viele Geschichten aus dem Genre gelesen habe, durchaus originell umgesetzt. Ich möchte natürlich nicht zu viel verraten. Es gibt eine mysteriöse Mordserie in Edinburgh, für die Ollie sich besonders interessiert. Immer muss Ada ihm die Zeitung mitbringen, falls etwas Neues dazu geschrieben wurde. Romy Wolf gelingt es, alles in einem trotz der geringen Seitenzahl spannenden und fulminanten Finale so aufzulösen, dass man nicht bereits vorher auf die Lösung des Geheimnisses kommt, aber sehr gut nachvollziehen kann, wie alles zusammenhängt. Besonders das Ende hat mich überrascht und mitgerissen und ich musste sofort mit Episode II weitermachen. Der einzige kleine Nachteil ist, dass ich das Gefühl nicht losgeworden bin, die Geschichte hätte das Potential für dreimal so viele Seiten hergegeben. Ich glaube, aus „Thimble House“ hätte ein historischer Mysteryroman werden können, der andere Romane des Genres deutlich in den Schatten stellt. Allerdings ist die Umsetzung auch auf knapp 70 Seiten so gut gelungen, dass ich nicht allzu traurig darüber war, dass der Geschichte nicht mehr Platz eingeräumt wurde.

Die Handlung wirkt daher keinesfalls gehetzt oder gequetscht, die Geschichte ist sehr rund und es gab kaum Stellen, an denen ich das Gefühl hatte, mir würden aufgrund der wenigen Seiten wichtige Details entgehen oder Szenen zu kurz kommen. Ich habe mir bloß gewünscht, noch mehr Zeit mit Ada in Thimble House verbringen zu können oder noch mehr Szenen zwischen Ada und Ollie lesen zu dürfen, bevor die Geschichte rund um das mysteriöse Herrenhaus auch schon vorbei war. Man spürt förmlich, mit wie viel Liebe Romy Wolf diese Welt und diese Figuren geschrieben hat und auch ihr Schreibstil ist sehr schön und flüssig zu lesen. Besonders die kleinen Details, die es braucht, um einen historischen Roman lebendig zu machen, baut die Autorin so fließend und in so schönen Worten ein, dass am Ende ein düsteres, facettenreiches Edinburgh bleibt, bewohnt von interessanten, komplexen Figuren, und das auf 70 Seiten, wo man es nicht selten auf 400 Seiten schlechter gemacht findet. Die Vergangenheit, das Edinburgh des fin de siècle, kommt einfach sehr nah, weshalb ich den Kurzroman uneingeschränkt allen Liebhabern von gut recherchierten historischen Romanen empfehlen möchte.

Obwohl es sich bei „Thimble House“ bloß um den Auftakt der „Spione von Edinburgh“ handelt und die Haupthandlung der Serie erst in der zweiten Folge einsetzt, legt Romy Wolf mit Folge I doch eine sehr rasante, spannende und sehr schön zu lesende Geschichte im Stil alter Gothic Novels und Detektivromane des neunzehnten Jahrhunderts vor, der durch das historische Edinburgh und seine liebevoll ausgearbeiteten Figuren glänzt und mit einer Handlung daherkommt, die so spannend ist, dass sie sofort Lust auf mehr macht. Wer einen eBook-Reader hat und dem neuen Format eBook-Serie nicht gänzlich abgeneigt ist, sollte mit diesem Kurzroman ein paar wirklich schöne Stunden verbringen können. Und, wer vielleicht keinen Reader besitzt, kann natürlich immer noch zur Taschenbuchausgabe greifen.

Zielgruppenempfehlung: Ich würde „Thimble House“, den Auftakt der Reihe rund um die „Spione von Edinburgh“, allen Lesern ab circa 14 Jahren empfehlen, die authentische historische Romane, klassische Schauerliteratur oder gut geschriebene Mysterygeschichten voller unterschwelligem Grusel und mysteriöser Geheimnisse mögen. Auch, wer vielleicht zuerst skeptisch auf die Seitenzahl blickt, sollte dem Kurzroman auf jeden Fall eine Chance geben, denn Romy Wolf gelingt es hier auf knapp 70 Seiten eine Geschichte abzuliefern, die zumindest mich historisch und handwerklich mehr überzeugt hat, als manch historischer Roman mit vier mal so hoher Seitenzahl.

Fazit: „Thimble House“, der Auftakt der ersten Staffel von Romy Wolfs eBook-Serie „Die Spione von Edinburgh“, ist trotz bloß weniger Seiten eine fulminante, detailverliebte Geschichte, die mit viel Wärme und Herz in ein Edinburgh voller Rätsel, düsterer Ecken und Geheimnisse entführt. Der Kurzroman überzeugt durch liebenswerte Helden, die sehr gut gelungene Darstellung von Ollie, der trotz seiner Behinderung und seiner Krankheit im viktorianischen Schottland seinen Humor und seine Neugier nicht verloren hat, und ein lebendiges, buntes historisches Setting, das einen von Seite Eins an ins historische Edinburgh mitnimmt. Dazu kommt eine originell umgesetzte Schauergeschichte, die einfach sofort Lust auf mehr macht. „Thimble House“ ist daher eine klare Empfehlung ohne Einschränkungen und dürfte jedem Liebhaber von historischen Schauergeschichten sehr gut gefallen. Ich zumindest bin sehr gespannt auf weitere Geschichten rund um Ada, Ollie und die anderen Figuren und vergebe fünf von fünf Sternen. 

Kommentare:

  1. Was bin ich gerade froh, dass ich mir den Link zu dieser Rezension gespeichert hatte! Hatte damals keine Zeit, sie zu lesen, aber beim Überfliegen klang es gut, dann hatte ich weiter keine Zeit und hab mehr und mehr Artikel angesammelt, die ich "später dann" mal lesen will. Und letztens saß ich dann da, hab ewig hin und her überlegt, was der Titel der Buchreihe war, bei der die einzelne Titel recht wenig Seiten haben. Ja, tja, jetzt weiß ich es wieder. xD Ich werd's mir definitiv mal angucken - macht bestimmt auch mehr Spaß, wenn mensch gerade in Edinburgh ist. :D

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Oh, das stelle ich mir wirklich schön vor, das Buch am Schauplatz zu lesen! Viel Spaß damit, hoffentlich gefällt es dir so gut wie mir!

      Löschen

LinkWithin