Montag, 21. September 2015

"Dahin ist aller Glanz" - Rosemary Clement-Moore

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Dahin ist aller Glanz | Rosemary Clement-Moore | Einzelband
512 Seiten  Random House | ISBN 978-3-570-40240-5
OT: The Splendor Falls (USA) | Leseprobe

Ein falscher Schritt, ein stechender Schmerz und die New Yorker Ballerina Sylvie muss mit gerade siebzehn Jahren ihren Traum vom Tanzen aufgeben. Als ihre Mom bald darauf heiratet, steht Sylvie vor dem Zusammenbruch. Zur Erholung wird sie ausgerechnet zur Familie ihres verstorbenen Vaters nach Alabama geschickt. Im Süden angelangt, findet sich Sylvie auf dem ehemals prachtvollen Herrensitz Bluestone Hill wieder – und begegnet den verfeindeten Jungen Rhys und Shawn, zu denen sie sich merkwürdig, fast magisch hingezogen fühlt. Plötzlich wird Sylvie von Erscheinungen heimgesucht: der Duft von Flieder, ein Mädchen am Fluss, Schreie im Wald. Sylvie beginnt zu forschen und entdeckt ein düsteres Geheimnis... (Quelle)

Psychiater, Psychologen und Übersetzungen

Hach, was soll ich sagen. Ich war lange schon nicht so unschlüssig, wie ich ein Buch bewerten soll, wie bei diesem hier. Es hat Monate gedauert, bis ich es endlich fertig gelesen hatte. Mir haben einige Dinge wirklich nicht gut gefallen, aber insgesamt fand ich das Buch wiederum auch wirklich nicht schlecht. Vorab muss ich aber erwähnen, dass ich das Buch auf Deutsch gelesen habe. Ich rede normalerweise nicht viel über die Übersetzungen von Büchern, weil ich nie beide Versionen lese und so auch nicht sagen kann, wie gut eine Übersetzung ist, aber hier finde ich sie wirklich nicht gelungen. Ganz einfach, weil eine Übersetzung, bei der ich mehrere Sätze erst einmal im Kopf ins Englische übersetzen musste, um den Sinn dahinter zu verstehen, keine gute Übersetzung ist. Beispielsweise wird Abbys Haut als "sahnig braun" beschrieben, was keinen Sinn macht, denn Sahne ist ziemlich weit davon entfernt, braun zu sein. Im englischen Original ist hier von "creamy brown" die Rede, was allerdings nichts mit Sahne zu tun hat, sondern ein geläufiger Ausdruck ist, um einen ebenmäßigen Hautton zu beschreiben. Zudem mochte ich den Schreibstil nicht, fand ihn oft zu platt, aber Cami, die das Buch auf Englisch gelesen hat, hat ihn als atmosphärisch und schön empfunden. Es lohnt sich bei diesem Buch also vielleicht wirklich, doch lieber zur englischen Version zu greifen.

Ich bin nicht sicher, ob ich das der Autorin oder der Übersetzung ankreiden muss, aber mehrmals redet Sylvie davon, dass ihr Stiefbruder der geborene Psychiater ist, weil er sich danach erkundigt, wie es ihr geht. Das ist schön für ihn, aber auch extrem schade, denn John studiert Psychologie und damit wird er niemals Psychiater werden. Psychologen und Psychiater sind vollkommen unterschiedliche Dinge. Ein Psychologie hat einen Abschluss in Psychologie, ein Psychotherapeut ist ein Psychologe mit einer abgeschlossenen Therapeutenausbildung. Ein Psychiater wiederum ist jedoch ein Arzt mit Approbation, der nach seinem Medizinstudium eine Facharztausbildung zum Psychiater absolviert hat. Psychiater und Psychologen haben vielleicht manchmal ähnliche Arbeitsplätze, aber sie unterscheiden sich vollkommen in ihrer Ausbildung und dem, was sie damit tun. Und langsam nervt es mich wirklich, ständig das Klischee des Psychologen lesen zu müssen, der ständig anfängt, Menschen zu analysieren, zu interpretieren und auszufragen. Das treiben sie einem in den ersten Semestern gründlich aus und ich bin sicher, dass John in seinem Studium eher mit Statistik und Neurologie zu kämpfen hat als "Wie lese ich die Gedanken meiner Stiefschwester".

Sylvie, Rhys und fehlende Romantik

Was ich an diesem Buch wirklich mochte ist Sylvie. Sylvie ist mir wirklich ans Herz gewachsen und in Anbetracht der Tatsache, dass alle anderen Figuren des Buches einen großen Teil ihrer Zeit damit verbringen, Sylvie zu sagen, was für eine Prinzessin und Diva sie ist, grenzt das an ein Wunder. Mich hat es ehrlich gesagt irgendwann wirklich richtig gestört, dass alle Sylvie ständig von oben herab sagen mussten, dass sie so, wie sie ist, nicht in Ordnung ist. Vielleicht geht das wirklich nur mir so, aber ich habe viele Passagen des Buches deshalb als sehr unangenehm empfunden. Vielleicht auch, weil Sylvie keine Diva ist. Sie ist eine ziemlich selbstbewusste Ballerina, die gegen ihren Willen den Sommer im Haus ihrer Tante verbringen muss und es nicht einsieht, sich von anderen sagen zu lassen, was sie zu tun oder zu lassen hat. 

Wiederum wirklich nicht gefallen hat mir in diesem Buch Addie. Sie ist von Anfang an so zickig und gemein Sylvie gegenüber, dass es schon nicht mehr glaubwürdig ist. Zudem ist sie schwarz und somit eine potenzielle Repräsentationsfigur. Neben ihrer Mutter und dem Dorfpastor ist sie eine der wenigen Figuren des Romans, die nicht weiß sind und auch noch die, die von denen am meisten vorkommt. Ja, sie hat einen Grund, sich Sylvie gegenüber so zu benehmen, aber das zickige schwarze Mädchen, das nichts anderes zu tun hat, als dem weißen Mädchen das Leben schwer zu machen, ist ein Klischee, das ich bitte nie wieder lesen möchte. Es gibt sowieso schon zu wenig Figuren, die nicht weiß sind, da muss nicht noch eine dazu kommen, die obendrein fies und gemein zur weißen Heldin des Romans ist. Das ist absolut keine Art von Repräsentation, die irgendjemand braucht und nur wieder ein Klischee, das man keinesfalls weiter unterstützen sollte. 

Die anderen Nebenfiguren haben mich nicht umgehauen, aber sie kommen dennoch als glaubhafte Charaktere rüber. Shawn ist ein Ekel, aber das soll er auch sein und in der Rolle des charmanten Sprösslings einer langen Dynastie reicher Unternehmer hat er mir gut gefallen, obwohl er mir manchmal ein wenig übertrieben vorkam. Clara, der Professor und Paula mochte ich gerne. Viele andere Figuren haben jedoch nur im Hintergrund agiert und ich konnte mir ihre Namen nicht merken. Es wäre schön gewesen, entweder diese Figuren mehr zu charakterisieren oder einfach weniger Figuren zu haben, die sowieso nur im Hintergrund herum laufen und sonst nicht weiter wichtig sind.

Die Liebesgeschichte in diesem Buch hat mir leider auch nicht gefallen. Rhys hatte für mich zu wenig positive Eigenschaften, er ist viel zu lange der grummelige und geheimnisvolle Waliser. Gut, dass er und Sylvie sich wie magisch voneiander angezogen fühlen, denn was hätte sie sonst an ihm finden sollen? Leider ist "Ich fühle ihm gegenüber eine magische Anziehungskraft" für mich zu wenig, um eine glaubhafte und nachvollziehbare Liebesgeschichte zu erzählen. Noch dazu enthält Rhys Sylvie bis ganz zum Schluss Informationen vor, die für sie ziemlich wichtig sind. Er deutet ständig an, dass er etwas weiß, aber er sagt es ihr nicht, weil sie ihm ja angeblich auch nicht alles über sich erzählt. Damit meint er aber ihren Unfall und Dinge, die ihn absolut nichts angehen. Was Rhys Sylvie nicht erzählt, geht sie aber durchaus etwas an und sein ewiges "Geh da nicht hin, das ist gefährlich, ich will nicht, dass dir was passiert" fand ich extrem bevormundend. Sylvie sollte selbst für sich entscheiden dürfen, ob das zu gefährlich für sie ist oder nicht, ob sie damit etwas zu tun haben will oder nicht. Rhys trifft hier eine Wahl für Sylvie, obwohl ihm das überhaupt nicht zusteht und das ist meiner Meinung nach absolut keine Grundlage für eine romantische Beziehung. Zudem habe ich bis zuletzt nicht verstanden, was ihn und Sylvie auf magische Art und Weise verbunden hat. 

Südstaaten und Stagnation

Clement-Moore hat es geschafft, Alabama lebendig vorm Auge des Lesers darzustellen. Der Unterschied zwischen der Mentalität der Südstaatler und Sylvie, die aus Manhattan kommt, kam super rüber. Gut fand ich auch, dass der Bürgerkrieg hier nicht unter den Tisch gekehrt wurde, sondern natürlich durchaus ein Thema ist, wenn Sylvie die Vergangenheit und ihre Ahnen erforscht. Auch die Sklaverei wurde hier nicht unter den Tisch gekehrt, wie es heute immer noch viele Menschen tun, wenn sie vom Bürgerkrieg sprechen. Warum das so ein wichtiges Thema ist, hat Cami in ihrer Rezension zu  "Sixteen Moons. Eine unsterbliche Liebe" von Kami Garcie und Margaret Stohl ausführlich erklärt.

Der Grund, weshalb ich Ewigkeiten gebraucht habe, um das Buch zu lesen, ist dass lange Zeit über einfach nichts passiert. Sylvie reist zu ihrer Tante und sieht im Haus Geister. Das ist ein toller Aufhänger für eine Geschichte, aber ab diesem Punkt stagniert der Roman unglaublich lange, alles wiederholt sich, bis auch die Geistererscheinungen nicht mehr spannend sind, ohne dass man irgendwelche glaubhaften Informationen präsentiert bekommt. Der Kernkonflikt und Drehpunkt von Sylvies Charakterentwicklung offenbart sich erst ganz zum Schluss und das ist einfach zu spät. Die Magie, die hinter allem steckt, ist spannend, aber sie hätte nicht so deplatziert gewirkt, wenn sie nicht erst auf den letzten hundert Seiten wirklich aufgetaucht wäre. Rätsel und Geheimnisse sind eine gute Methode, um einen Roman spannend zu machen, aber nur, wenn sie nach und nach aufgedeckt werden und nicht ganz furchtbar lange nicht und am Ende alles auf einmal.

Dadurch, dass die Auflösung so lange hinausgezögert wurde, wirkte sie am Ende, als wäre sie aus der Luft gegriffen, als würde sie nicht zum Roman passen. Erst geht es um Geister, dann sind die gar nicht mehr so wichtig und es geht um etwas ganz anderes. Der Fokus ist hier zu sehr verschoben, zu viele Andeutungen bleiben viel zu vage, damit die Auflösung am Ende noch eine Überraschung bleibt. So sehr der Roman einen schaurigen Geisterroman verspricht, über 300 Seiten lang, am Ende ist er das nicht, denn es geht nicht um die Geister, sondern etwas ganz anderes. Meiner Meinung nach war das hier nicht gut gelöst und es passt alles nicht so recht zusammen. 

Zielgruppenempfehlung

"Dahin ist aller Glanz" ist für alle etwas, denen die obigen Punkte nichts ausmachen. Problematisch fand ich die Darstellung von Addie als unglaubwürdige Zicke. Das Verhalten von Rhys war häufig auch nicht in Ordnung, was im Roman zwar durchaus auch von Sylvie so gesehen wird, aber sie verzeiht ihm meiner Meinung nach zu schnell, weshalb Leser in der Lage sein sollten, das zu reflektieren. Ich würde den Roman vielleicht Fans des Genres ab etwa 14 empfehlen, bedenkliche Inhalte gibt es aber meiner Meinung nach nicht. 

Fazit

"Dahin ist aller Glanz" ist etwas für Fans von Southern Gothic Romanen, denen es nichts ausmacht, wenn sich ein Roman extrem langsam aufbaut. Die Protagonistin hat mir sehr gut gefallen und das Setting wird glaubhaft und lebendig aufgebaut, allerdings mochte ich persönlich den Schreibstil nicht ganz so gerne wie Cami, die das Buch auf Englisch gelesen hat. Die Liebesgeschichte konnte mich nicht überzeugen, aber trotz allem hat es mir doch Spaß gemacht, das Buch zu lesen und wenn es sich nicht so extrem viel Zeit lassen würde, die Geschichte endlich ins Rollen zu bringen, hätte ich es wahrscheinlich innerhalb von zwei oder drei Tagen verschlungen. Wirklich problematisch ist allerdings die Darstellung von Addie, denn sie wird nur als übertriebene Zicke dargestellt und ist eine der wenigen Figuren, die nicht weiß sind. Alles in allem gebe ich "Dahin ist aller Glanz" deshalb 2.5 von 5 Sternen. Ohne Addie wären es drei Sterne geworden, aber dafür muss ich einfach noch einen halben Stern abziehen. 


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