Montag, 31. August 2015

[Top 6] Cami liebt: London


Da ich sehr viel lese, komme ich leider nicht immer dazu, auch zu jedem Roman eine ganze Rezension zu schreiben. Das ist manchmal wirklich schade, da nicht selten Romane auf der Strecke bleiben, die mir sehr gut gefallen haben. Deshalb habe ich mir überlegt, in regelmäßigen Abständen kleine Kurzrezensionen einzustellen. Aber das wäre ja irgendwie langweilig, wenn es nicht noch einen Dreh bei der Sache gäbe: Ich habe beschlossen, eine Reihe daraus zu machen und immer fünf oder mehr Kurzrezensionen zu einem Thema zu schreiben. Dazu suche ich mir fünf oder mehr Romane aus, die mir gut gefallen haben und das entsprechende Thema von allen Seiten beleuchten, damit für jeden etwas dabei ist und die Abwechslung auch nicht zu kurz kommt. Im Moment plane ich, „Cami liebt“ alle zwei Wochen zu posten. Viel Spaß!

Heute geht es los, mit einem Thema, das für Luna und mich einmal mehr aktuell ist. Ich war dieses Jahr nämlich endlich wieder in London und Luna ist gerade jetzt in England. Ich habe mir also überlegt, eine kleine Leseliste zu London zu erstellen, für alle von euch, die dieses Jahr entweder selbst noch in die englische Metropole fahren, oder zuhause bleiben und sich diesen Spätsommer mit ein paar Büchern nach London träumen möchten. London ist groß, laut und aufregend, hat dunkle und schöne Seiten, eine lange, bewegende Geschichte und bietet immer wieder Neues, das es zu entdecken gilt. Und so sind auch die Romane, die ich für euch herausgesucht habe! Ich habe mich entschieden, die offensichtlichen Entscheidungen, wie „Neverwhere“ von Neil Gaiman und „Die Flüsse von London“ von Ben Aaronovich für diese Liste außen vor zu lassen und euch ein paar Romane vorzustellen, die zwar nicht unbekannt sind, aber nicht ganz so berühmt.

Platz 6: "Geheimnisvolles Vermächtnis" von Mary Hooper 

Geheimnisvolles Vermächtnis | Einzelband | 300 Seiten | Bloomsbury | ISBN 978-3-8333-5096-2 | OT: Fallen Grace (GB) | VerlagsseiteHistorischer Roman

London, Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Die fünfzehnjährige Grace ist schwanger, bringt das Kind jedoch tot zur Welt. Weil sie bitter arm ist und keinen anderen Ausweg sieht, fährt sie zur Nekropole Brookswood und versteckt das tote Baby im Sarg eines reichen Mädchens. Dabei trifft sie auf den Bestattungsunternehmer Mr. Unwin, der Grace Arbeit in seinem Geschäft anbietet. Was Grace nicht weiß: Sie und ihre Schwester Lily werden als Erbinnen eines riesigen Vermögens verzweifelt gesucht. Doch Mr. Unwin hat nicht vor, Grace von ihrem Erbe zu erzählen, denn er hat eigene Pläne mit dem Geld. "Geheimnisvolles Vermächtnis" ist ein kurzer, aber eindrucksvoller Roman, der einen Einblick in eine Thematik gibt, die kaum in historischen Romanen beleuchtet wird: Den opulenten viktorianischen Totenkult. Nicht nur erfährt man viel über viktorianische Totensitten, der Autorin gelingt es außerdem, die Details so einzubinden, dass eine düstere Atmosphäre entsteht, die ganz stark an Charles Dickens' Gesellschaftsromane aus dem frühen neunzehnten Jahrhundert erinnert. Und auch die Handlung selbst könnte aus Dickens' Feder stammen, so gut kennt sich Mary Hooper mit der Materie aus. Auch sehr gut gefallen hat mir, dass "Geheimnisvolles Vermächtnis" einen Blick auf die Schattenseiten des viktorianischen Londons erlaubt.

Wo historische Romane sonst fast immer innerhalb der glitzernden Oberschicht spielen, haben wir hier mit Grace eine bitterarme gefallene Frau zur Protagonistin, die ganz unten angekommen ist und uns durch das viktorianische London führt: Vom Friedhof Brookwood über die Armenviertel in die gut betuchte bürgerliche Welt des Bestatters Mr. Unwin. Nicht nur arbeitet Mary Hooper sehr eindrucksvoll und eindringlich die Frauenbilder des neunzehnten Jahrhunderts auf, was mir sehr gut gefallen hat und mit viel Einfühlvermögen, aber auch mit der nötigen Krassheit passiert, auch hat Graces ältere Schwester Lily eine geistige Behinderung und ist nicht wirklich selbstständig, weshalb Grace auf sie Acht geben muss. Die Darstellung Lilys hat mir sehr gut gefallen, da solche Thematiken besonders im historischen Roman kaum oder nur dürftig behandelt vorkommen. Dass Lily eine zentrale Figur ist und genauso gut ausgearbeitet, wie die anderen Figuren, fand ich sehr schön. Alles in allem ist "Geheimnisvolles Vermächtnis" ein sehr düsterer, sehr authentischer historischer Roman in der Manier Charles Dickens', der einen Einblick in Bereiche des viktorianischen Zeitalters gewährt, die nicht selten verborgen bleiben: Armut, Totenkult, das opulente Bestattungswesen, aber auch Geschlechterrollen und Frauenbilder der Zeit. Wer gern historische Romane liest und nach einem atmosphärisch-düsterem Twist und einer bisher kaum behandelten Thematik sucht, hat mit "Geheimnisvolles Vermächtnis" sein Londonbuch gefunden. 

Platz 5: "Glühende Dunkelheit" von Gail Carriger 

Glühende Dunkelheit | Lady Alexia #1 | 417 Seiten | Blanvalet | ISBN 978-3-641-03929-5 | OT: Soulless (USA) | Verlagsseite Steampunk 

Historische Romane, die in London spielen, gibt es viele, doch genauso viele Leser suchen nach etwas, das ein wenig anders ist, als der Rest. Zugegeben, das Steampunk-Genre und Gail Carriger sind schon seit rund vier Jahren kein Geheimtipp mehr. Trotzdem ist und bleibt Gail Carriger die einzige Steampunkautorin, die ich gern lese, was großteils an ihrem charmanten, aber urkomischen Witz liegt, an ihren exzentrischen Figuren und ihrem Schreibstil, der so blumig ist, dass er sich beinahe schon selbst parodiert. "Glühende Dunkelheit" spielt in einem alternativen viktorianischen London, sehr viele Steampunkelemente gibt es allerdings nicht, was wohl auch der Grund war, weshalb mir der Roman trotz des Genres gut gefallen hat. Stattdessen gibt es allerlei skurrile Gestalten in diesem London, allen voran die Protagonistin, Lady Alexia. Alexia tötet in Notwehr einen Vampir und muss sich deshalb mit Lord Maccon auseinandersetzen - seines Zeichens Werwolf und Ermittler Queen Victorias in übernatürlichen Angelegenheiten. Da Maccon nicht mit ihr zusammenarbeiten will, beginnt Alexia selbst nachzuforschen, weshalb ein Vampir sie angegriffen hat - und stößt auf ein unfassbares Geheimnis.

Lady Alexia, bereits um die 30 Jahre alt, unverheiratet, und in den Augen ihrer strengen Mutter eine Last, ist so herrlich verschroben und stur, dass es einfach Spaß macht, von ihr zu lesen. Aber auch der schroffe Lord Maccon, der dann doch Alexias Hilfe benötigt, Alexias unbeholfene Freundin Ivy Hisslepenny oder der flamboyante Dandyvampir Lord Akeldama sind einfach starke, interessante Figuren, die man schnell liebgewinnt. Gail Carriger gelingt es trotz ihrer alternativen historischen Welt diese ganz bestimmte Atmosphäre des viktorianischen Londons einzufangen und mit viel Witz, Spannung und teilweise albernen Begebenheiten zu vermengen. Eine Mischung, die sehr gut unterhält. Dazu kommt der Krimiplot rund um den Vampirangriff auf Alexa und das beunruhigende Verschwinden von Vampiren aus der Londoner Oberschicht. Eine kleine Liebesgeschichte gibt es auch, doch obwohl der Verlag die Reihe um Lady Alexa als Romanze vermarktet, steht die Liebesgeschichte zwischen Alexia und Lord Maccon keinesfalls im Mittelpunkt und Alexia selbst ist eine völlig plumpe, unromantische Heldin, deren trockener Zynismus herrlich zu lesen ist. Leser, die gern in alternative historische Welten aufbrechen, ihr London magisch und voller düsterer Gestalten mögen und gegen trockenen Humor nichts einzuwenden haben, sollten zu "Glühende Dunkelheit" greifen. 

Platz 4: "Heaven : Stadt der Feen" von Christoph Marzi 

Heaven : Stadt der Feen | Einzelband | 336 Seiten | Arena | ISBN 978-3-401-06382-9 | Verlagsseite | Märchenhafte Urban Fantasy

"Heaven" erzählt die Geschichte zweier ganz verschiedener Jugendlicher: Die von David, der nachts über die Dächer von London läuft, und die von Heaven, dem Mädchen, dem das Herz gestohlen wird - im wahrsten Sinne des Wortes. Als David und Heaven aufeinander treffen, machen sie sich auf die Suche nach Heavens Herz und dem Dieb, der es ihr herausgeschnitten hat. Doch ihnen bleibt nicht allzu viel Zeit. Auf den Dächern von London und in den lauten, vollen Straßen suchen sie nach Spuren und finden dabei viel mehr heraus, als was mit Heavens Herz geschehen ist. "Heaven" ist ein sehr märchenhafter, dicht erzählter Roman, der in ein London mitnimmt, das es so eigentlich gar nicht gibt. Denn in Christoph Marzis London ist der Himmel über der Stadt seit Jahren komplett sternlos - und dahinter steht natürlich ein großes Geheimnis. Trotz der magisch-düsteren Welt, in der dieses London existiert, gelingt es Marzi die Metropole zum Leben zu erwecken. Jeder, der schon einmal dort war, wird Londons ganz eigene düstere Atmosphäre in den Seiten wiederfinden und jeder, der noch nicht in London war, wird sofort einmal hinfahren wollen.

"Heaven" ist ein "magischer Reiseführer" der besten Sorte: Christoph Marzi liebt die Stadt und kennt sie wie seine Westentasche und das merkt man dem Roman in seinen detaillierten Beschreibungen auch an. Trotzdem bleibt die eigentliche Geschichte darüber nicht im Hintergrund, sondern führt rasant aus der City nach Little Venice bis auf den berühmten Highgate-Friedhof im Norden der Stadt. "Heaven" lesen ist wie träumen, denn immer ist einem ganz klar, dass es so etwas selten gibt: Zwei völlig unabhängige Jugendliche, die allein leben und tun und lassen, was sie wollen. Das Leben, das Heaven und David führen, ist für viele Jugendliche sicherlich ein Wunschtraum, wirkt zusammen mit den phantastischen Elementen, dem gestohlenen Herzen und den vielen Anleihen bei Charles Dickens, die eine wunderbare Harmonie zwischen viktorianischem Gesellschaftsroman und moderner Urban Fantasy hervorrufen, aber auch für erwachsene Leser einfach wie ein modernes Märchen. Im Rahmen dieses Blogs muss ich natürlich auch erwähnen, dass es micht freut, dass Christoph Marzi mit Heaven eine nichtweiße Figur schreibt und das ganz frei von Stereotypen. Für Leser, die düstere Romantik, moderne Märchen und ein London voller Magie mögen, ist "Heaven" die richtige Wahl. 

Platz 3: "Die Schule der Nacht" von Mia James 

Die Schule der Nacht | Ravenwood #1 | 608 Seiten | Goldmann | ISBN 978-3-442-47771-5 | OT: By Midnight (GB) | Verlagsseite | Dunkle Vampirromantik 

Die dreiteilige "Ravenwood"-Reihe erzählt von der jungen April Dunne, die mit ihren Eltern von Schottland aus nach London zieht. Ihr Vater möchte ein Buch über den berühmten Highgatevampir schreiben und vor Ort recherchieren. April ist nicht begeistert von dem düsteren Haus im Norden Londons, von dem nahen Friedhof und ihrer neuen Schule: Der Eliteakademie "Ravenwood". Doch als sie erfährt, dass es in London merkwürdige Todesfälle gab und die Teile einfach nicht richtig zusammenpassen wollen, muss sie sich fragen, ob es den Vampir vielleicht wirklich gibt... "Die Schule der Nacht" ist durchaus ein typischer Vampirroman, verfügt aber über den ganz besonderen Pfiff, der ihn von anderen Romanen des Genres deutlich abhebt. Das kommt sicherlich großteils davon, dass das Autorenduo Mia James eine wahre Legende einbindet: In den späten 1960er Jahren gab es in London eine regelrechte Panik: Auf dem berühmten, verwilderten Friedhof Highgate sollte ein Vampir umgehen, den einige gesehen haben wollten. Damals zog die Legende Geister- und Vampirjäger, sowie andere Interessierte aus der ganzen Welt nach London und auch heute noch sorgt die Geschichte für wohlige Gänsehaut. 

Was den Roman so besonders macht, ist allerdings auch die düstere, sehr dichte Atmosphäre. Mia James beschreiben Highgate, das alte Haus und den großen Friedhof detailliert und gekonnt, der blumig-romantische Schreibstil sorgt dafür, dass die dunkle Bedrohung, die in Highgate lauert, spürbar wird. Ich selbst habe den Friedhof Highgate schon mehrmals besucht und kenne die makaber-romantische Stimmung, die dort herrscht, doch selbst für Leser, die noch niemals dort gewesen sind, entfaltet sich die Atmosphäre bald und zieht einen in ihren Bann. Dazu kommt der komplex ausgearbeitete Plot, der deutlich von bekannten Mustern des Vampirgenres abweicht. Aber keine Angst - eine romantische Liebesgeschichte gibt es natürlich trotzdem. Doch auch der Grusel kommt nicht zu kurz: Mia James nutzen ihr Setting und die Legende um den Highgatevampir gut und spinnen eine komplexe Geschichte um den Vampir, die nicht nur Aprils eigene Familie einbezieht, sondern auch die Schüler von Ravenwood. Ganz nebenbei gelingt es dem Autorenpaar auch noch, alltägliche Konflikte zwischen Schülern natürlich und vor allem realistisch in den Roman einzubinden und dreidimensionale, spannende Figuren zu erschaffen, die einen lange begleiten. Für Leser, die gern Liebesgeschichten lesen, Vampirromane und mysteriösen Grusel, ist "Die Schule der Nacht" das perfekte Londonbuch. 

Platz 2: "Die seufzende Wendeltreppe" von Jonathan Stroud 

Die seufzende Wendeltreppe | Lockwood & Co. #1 | 432 Seiten | cbj | ISBN 978-3-570-15617-9 | OT: The Screaming Staircase (GB) | Verlagsseite |Urban Fantasy

Wen der Gedanke eines alternativen Londons voller düsterer Wesen reizt, aber sich nicht mit Steampunk oder einem historischen Setting anfreunden mag, für den habe ich natürlich auch eine Empfehlung parat: In Jonathan Strouds neuer Jugendbuchreihe wird der Leser in ein modernes London entführt, dass jedoch völlig anders ist, als wir es kennen: Vor Jahrzehnten sind die Geisterwesen in der Stadt aufgetaucht und machen die Stadt bei Nacht unsicher. Nur Kinder und Jugendliche können sie sehen, weshalb Agenturen gegründet wurden, bestehend aus Kindern und Jugendlichen, die ausgerüstet mit Bannkreisketten, Degen und Leuchtbomben dem Spuk ein Ende machen sollen - oft unter Einsatz des eigenen Lebens. Die junge Lucy Carlisle ist neu in London, als sie sich der Agentur Lockwood & Co. anschließt: Bestehend aus Anthony Lockwood, dem exzentrischen Leiter, und dem mürrischen George Cubbins. Die Agentur hat keinen guten Ruf im Gegensatz zu den großen Agenturen in London, doch Lucy, die überaus sarkastische Ich-Erzählerin, will Lockwood und George trotzdem überzeugen, dass sie zu ihnen passt. Als die drei jedoch einen Auftrag vermasseln und unbedingt Geld brauchen, um den Schaden zu bezahlen, müssen sie einen äußert dubiosen Auftrag annehmen. 

"Die seufzende Wendeltreppe" steckt irgendwo zwischen Geistergrusel, rasanter Action und klirrenden Degen und dürfte jeden begeistern, der sich in ein düstermagisches London wünscht. Lucy ist eine tolle, sarkastische Ich-Erzählerin, doch auch der verschrobene Anthony Lockwood selbst, der nicht selten übermütig wird, ist eine interessante Figur. Was aber wirklich überzeugt, ist diese düstere, von Geistern geplagte Welt, in der Kinder für Recht und Ordnung sorgen müssen, weil Erwachsene die Gabe, Geister zu sehen, längst verloren haben. "Lockwood" ist düsterer als Strouds berühmte "Bartimäus"-Reihe, aber nicht weniger witzig, teilweise schroff, skurril und voller liebenswürdiger Gestalten und mysteriöser Vorfälle. "Die seufzende Wendeltreppe" nimmt einen klassischen Spukhausplot, mitsamt rachsüchtigen Geistern und Mördermystery, und geht eine ganze Spur weiter. Heraus kommt ein spannender, teils unheimlicher, makaberer Mix, bei dem das Lesen einfach Spaß macht und über 400 Seiten wie im Flug vergehen, wenn die drei Agenten gegen andere Agenturen antreten, mit einem Schädel in einem Glas sprechen oder gegen böse Geister kämpfen müssen. "Die seufzende Wendeltreppe" ist das Londonbuch für alle Leser, die gern in alternative Realitäten abtauchen und eine Geistergeschichte mit besonderem Twist suchen. 

Platz 1: "Charleston Girl" von Sophie Kinsella 

Charleston Girl | Einzelband | 496 Seiten | Goldmann | ISBN 978-3-442-47399-1 | OT: Twenties Girl (GB) | Verlagsseite | Chick Lit

Geistergeschichte mal ganz anders? Das ist "Charleston Girl" von Sophie Kinsella. Kinsella gehört zu meinen Lieblingsautoren und "Charleston Girl" ist bei Weitem mein liebstes Buch von ihr. Die Ich-Erzählerin ist Lara Lington, Karrierefrau Ende 20, die wohl oder übel die Beerdigung ihrer Großtante Sadie besuchen muss. Sadie ist über 100 Jahre alt geworden und hat die letzten Jahre ihres Lebens in einem Altenheim verbracht, wo sie jedoch niemand jemals besucht hat. Und dann geschieht es: Sadies Geist taucht als junge Frau auf ihrer eigenen Beerdigung auf, verwirrt und traurig darüber, dass so wenig Leute gekommen sind. Und Lara ist die einzige, die Sadie sehen kann. Zuerst ist sie genervt von Sadie, die ein typischer 20er-Jahre-Flapper zu sein scheint: Laut, arrogant, feiersüchtig und ich-bezogen. Doch je besser Lara sich mit Sadies Anwesenheit arrangiert, umso deutlicher wird, wer Sadie wirklich ist. Als dann Sadies geliebte Libellenhalskette verschwindet, beschließt Lara die Beerdigung ihrer Großtante aufzuhalten, bis die Kette wieder da ist und mit Sadie beerdigt werden kann. Nur so kann der Geist Ruhe finden. Doch wer hat die Kette gestohlen? Und warum? Und weshalb ist sie Sadie so wichtig?

"Charleston Girl" ist ein sehr untypischer Geisterroman. Er ist leicht und brüllend komisch erzählt, romantisch, nostalgisch und voller Wehmut. Wie kann es sein, dass eine Frau wie Sadie vergessen worden ist? Und was bedeutet es eigentlich, auch nach dem Tod unsterblich zu werden? Besonders gut gefallen hat mir der Kontrast zwischen Laras modernem London, in dem sie arbeitet, feiert und sich in den amerikanischen Geschäftsmann Ed verliebt, dem sie London zeigen muss, und Sadies Welt, die sie Lara näher bringt. Lara entdeckt Second-Hand-Läden in London und Nachtclubs, in denen noch Charleston getanzt wird und ganz besonders entdecken die beiden ungleichen Frauen aneinander Eigenschaften, die sie inspirieren und verändern. Ganz besonders beeindruckt hat mich, wie lebensnah die 20er Jahre in London geschildert werden, obwohl der Roman in der Gegenwart spielt. Über Sadie gelingt es Sophie Kinsella das Lebensgefühl der goldenen 20er noch einmal lebendig zu machen und obwohl der Roman vordergründig witzig und locker-leicht erzählt ist, kommt über Sadies Schicksal auch eine gewisse bittersüße Tragik zum Tragen, die berührt und nostalgisch macht. Das alles macht "Charleston Girl" zu einem unwiderstehlichen Geisterroman, der einfach komplett anders ist, als die anderen Geistergeschichten, die ich kenne. Freundschaften zwischen Frauen, Selbstfindung und die Angst vor einem vergessenen Leben stehen im Mittelpunkt und machen "Charleston Girl" zu einem überwältigenden Leseerlebnis für Leser und Leserinnen auf der Suche nach dem beschwingten, berührenden Geisterroman. 

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