Dienstag, 18. August 2015

"Selection : Die Elite" - Kiera Cass

Link zur Verlagsseite
Die Elite | Selection #2 | 384 Seiten | Fischer Sauerländer | ISBN 978-3-7373-6242-9 | OT: The Elite (USA) 

Dies ist die Rezension zum zweiten Band einer Reihe. Die Rezension zum ersten Band "Selection" findet ihr hier. Diese Rezension wird Spoiler zum ersten Band enthalten. 

Von den 35 Mädchen, die um die Gunst von Prinz Maxon und die Krone von Illeá kämpfen, sind mittlerweile nur noch 6 übrig. America ist eine von ihnen, und sie ist hin- und hergerissen: Gehört ihr Herz nicht immer noch ihrer großen Liebe Aspen? Aber warum hat sich dann der charmante, gefühlvolle Prinz hineingeschlichen? America muss die schwerste Entscheidung ihres Lebens treffen. Doch dann kommt es zu einem schrecklichen Vorfall, der alles ändert. (Quelle)

America – Von dunklen Geheimnissen und einer wahren Heldin

Nachdem mir überraschenderweise der erste Band von Kiera Cass’ dystopischer Reihe „Selection“ sehr gut gefallen hat, musste ich natürlich auch unbedingt den zweiten Band lesen um zu erfahren, wie es mit America, Maxon und den anderen weitergehen würde. Ich hatte ein bisschen Angst, um ehrlich zu sein: „Selection“ endete auf einer Note, auf der „Die Elite“ einfach nahtlos hätte wieder ansetzen können und ich befürchtete, dass „Die Elite“ am Ende ein typischer zweiter Teil wird: Ein Herauszögern und Ausdehnen der Handlung, eine Brücke zum dritten Teil, aber nicht mehr. Das ist, so viel verrate ich euch gleich, Gott sei Dank nicht passiert. „Selection“ ist tatsächlich eine Reihe, in der nicht in jedem Band ein neues Fass aufgemacht und ein eigener kleiner Konflikt geschaffen wird, sondern deren Teile stark aufeinander aufbauen, indem sie eine einzige Geschichte erzählen. Eigentlich mag ich Reihen lieber, die pro Band auch eine eigene Geschichte erzählen, doch Kiera Cass gelingt es durchaus, mit der Struktur ihrer Reihe zu überzeugen.

Was diesen zweiten Band in meinen Augen so gelungen macht ist, dass er mir alles gibt, was ich im ersten Band so sehr vermisst habe. Einiges davon hätte unbedingt in den einleitenden ersten Teil gehört, doch, dass es hier sozusagen nachgereicht wird, ist am Ende dann auch nicht verkehrt. Was macht „Die Elite“? Ein Stück weit zerbricht Kiera Cass die luftige, süße Atmosphäre, die sie in „Selection“ geschaffen hat. Natürlich, das Casting geht weiter: Gutes Essen, schöne Kleider, Partys und Empfänge, Hofgeflüster und Intrigen, das ist alles noch da. Aber zusammen mit America entdeckt der Leser nun, das diese Welt gar nicht so schön und perfekt ist, wie America gedacht hat – und der Leser auch, nachdem er „Selection“ ausgelesen hat. Endlich wird „Selection“ zur Dystopie und diese Entwicklung kommt etwas überraschend, aber mutet durchaus gut überlegt an. Zusammen mit America zerrt der Leser die Geheimnisse um Illeàs Entstehung ans Licht – und sie sind nicht schön. Doch nicht nur die Handlung bekommt ungeahnte Abgründe, auch einige der Figuren geben Geheimnisse Preis, mit denen ich niemals gerechnet hätte, die aber vieles erklären und verändern, wie der Klappentext es auch verspricht.

Mehr kann ich dazu natürlich an dieser Stelle nicht sagen. Aber mir hat es sehr gut gefallen, wie Kiera Cass der märchenhaften, romantischen Atmosphäre aus dem ersten Band einen Knacks versetzt und wie ganz langsam klar wird, in was America da eigentlich hineingeraten ist. Die Geschichte verdichtet sich, sie spitzt sich zu, aber das nicht ohne ihre Lockerheit und ihren Wohlfühlfaktor zu verlieren. Trotzdem werden ernste Themen auch ernst behandelt und nicht bagatellisiert oder zur Seite geschoben. Auch hier reicht Cass nach, was mir in Band Eins so gefehlt hat: Die Motivationen der Rebellen, die Geschichte Illeàs, die Durchsetzung des Kastensystems – jetzt ist das alles da und ich muss sagen, ich verstehe jetzt, wieso es erst jetzt kommt und eben nicht im ersten Band, wo es doch nach allen Regeln der Kunst hingehört hätte. Nach „Die Elite“ fühlt man sich tatsächlich wie ein ahnungsloser Bürger Illeàs, der plötzlich herausfindet, was die Regierung ihm nicht sagen will und das ist natürlich irgendwo ein ziemlich gelungener Schachzug. Dafür also Hut ab an Kiera Cass.

Auch America Singer – deren Name nach den neusten Erkenntnissen auch plötzlich gar nicht mehr so albern wirkt – als Ich-Erzählerin und Heldin hat mir erneut sehr gut gefallen. America ist als Figur gewachsen, doch ihre positive Einstellung und ihre netten Worte sind dabei nicht auf der Strecke geblieben. Was mir an ihr so gut gefällt ist, dass America wirklich handelt. Sie muss nicht ständig gerettet werden oder alles gesagt bekommen, sie greift durch, sie tut, was sie für richtig hält und, wenn sie etwas haben will, dann ist sie bereit, sich dafür einzusetzen. Das Schönste aber ist: America macht Fehler und sie ist immer bereit ihre Fehler einzusehen, sich zu entschuldigen, wenn es nötig ist und zu versuchen, es beim nächsten Mal besser zu machen. America hat sich still und heimlich zu einer meiner liebsten Jugendbuchheldinnen aufgeschwungen, denn eine wie sie habe ich tatsächlich noch nie gelesen. War sie in „Selection“ ein selbstbewusstes und durchsetzungsfähiges liebes Mädchen, ist sie in „Die Elite“ stark und selbstständig und kämpft für das, was sie für richtig hält.

Maxon – Von Liebe im Dreieck und Freundinnen

Was ich so faszinierend finde ist, wie überzeugend ich dieses Love Triangle finde. Nachdem Aspen, Americas Exfreund aus „Selection“ zum Militär gegangen ist und nun als Palastwache arbeitet, gibt es mittlerweile auch tatsächlich eins. Denn America ist hin und her gerissen zwischen ihrer neuen Liebe, dem sanftem Prinzen, und ihrer alten Liebe Aspen. Das funktioniert, weil Kiera Cass sicherstellt, dass keiner von beiden Männern deutliche Vorzüge hat. Meistens weiß man bei Love Triangles sofort, wen die Heldin wählen wird, weil ein Junge interessant und aufregend ist und der andere blass ist und im Hintergrund bleibt. Das ist langweilig. Hier passiert das aber eben gerade nicht. Beide Männer haben absolute Vorzüge – aber auch sehr dunkle, schlechte Seiten, die im Laufe des Romans ans Licht kommen. Und dazwischen steht America, die beide Männer im Verlauf des Romans viel besser kennenlernt. Ich für meinen Teil habe keine Ahnung, wen von beiden America am Ende wählen wird, denn beide Männer werden in „Die Elite“ interessant und rund gezeichnet und haben Vor- und Nachteile, die sich nicht einfach von der Hand weisen lassen.

Die „Selection“-Reihe bietet wohl das absolut erste Liebesdreieck, bei dem es mir so ergeht, bei dem nicht einer der beiden Männer zum Nebendarsteller verkommt, bei dem es wirklich spannend bleibt, für wen sich die Heldin am Ende entscheidet und bei dem es oben drauf einem selbst absolut schwer fällt, abzuwägen wen sie wählen sollte. Was ich auch gern erwähnen möchte: Trotz einem sehr überzeugenden Liebesdreieck, obwohl America spürbar Chemie mit beiden Männern hat, obwohl America für beide Gefühle hegt, die sich voneinander durchaus stark unterscheiden – es gibt hier keine ewige Liebe und keine falsche Romantik, es ist hier möglich, dass sich jemand entliebt, dass Liebe enden kann, dass man danach mit seinem Leben weitermacht und das auch in der Liebe nicht immer alles so ist, wie man es zuerst vielleicht gedacht hat. Ja, was die Geschichte um das Prinzessinnencasting angeht, mag „Selection“ sehr weich sein, sehr fluffig und leicht. Aber was den Umgang mit Romantik und Liebe angeht, hat die Reihe was Tiefe angeht anderen Jugendromanen eine Menge voraus.

Auch den Umgang mit Themen wie Freundschaft unter Konkurrentinnen fand ich in „Die Elite“ fast noch schöner ausgearbeitet, als in „Selection“. Dass Marlee und America trotz ihrer Konkurrenz um den Prinzen großartige Freundinnen geworden sind, finde ich überhaupt sehr schön, doch auch Americas Beziehung zu Kriss ist wirklich schön gezeichnet. An sich gehen die Mädchen untereinander sehr respektvoll miteinander um und legen sich nicht absichtlich Steine in den Weg, America wünscht sich sogar, mit ihnen besser befreundet zu sein. Bloß Celeste ist wie in Band Eins intrigant und gemein, doch auch hier hat mir die Entwicklung sehr gefallen, die rund um Celeste gesponnen wird und tatsächlich alles noch einmal in einem etwas anderen Licht zeigt. Ich mag Celeste trotzdem nicht und ich soll sie natürlich auch nicht mögen, aber ich beginne, sie viel besser zu verstehen.

Aspen – Von Palästen und Rebellen

Natürlich ist „Die Elite“ nicht plötzlich eine perfekte Dystopie. Es gibt Probleme. Der Weltenbau ist noch immer nicht ausgereift und wird es wohl auch nie sein, damit habe ich mich aber mittlerweile abgefunden. Dass politische Beziehungen zwischen zwei Ländern sich nicht durch ein paar Empfänge schließen lassen, ist noch so eine Sache. Und dann habe ich eine Frage: Wieso schaffen die Rebellen es immer und immer wieder in den Palast einzudringen? Es ist in Band Eins mehrmals passiert und auch in Band Zwei sind die Rebellen plötzlich im Palast. Mehrmals. Die Sicherheitssysteme der Zukunft sind anscheinend wirklich schlecht, oder… ich hoffe, dass Kiera Cass uns in „Der Erwählte“, dem dritten Band der Reihe, einen Inside Man vorstellt, oder gleich ein paar mehr davon, die den Rebellen in den Palast helfen. Alles andere ist einfach nicht logisch und oben drein wäre das eine spannende Wendung, die mir gefallen würde.

Wo ich dabei bin: Kiera Cass ist vielleicht keine allzu gute Weltenbauerin, aber sie ist eine wirklich gute Erzählerin. Auch in Band Zwei hat ihr Schreibstil mir wieder sehr gut gefallen und sie weiß, wie man Plots schmiedet, die den Leser abholen, mitreißen und nicht mehr loslassen. Die Höhepunkte sind an den exakt richtigen Stellen gesetzt und der Roman nimmt genau dann an Fahrt auf, wenn er es muss und gibt dem Leser ruhigere Verschnaufpausen genau dann, wenn es nötig ist. Sie ist wohl außerdem die Königin der überraschenden Wendung, denn obwohl „Selection“ keine allzu komplexe Reihe ist, überraschen mich die Wendungen dennoch jedes Mal aufs Neue. Ich rechne nicht mit ihnen und sie überzeugen mich trotzdem, weil sie im Nachhinein Sinn ergeben. Leider bügelt das die Ungereimtheiten im Weltenbau nicht aus und während einige Figuren wie zum Beispiel auch Königin Amberly deutlich an Tiefe gewinnen, bleibt zum Beispiel Elise sehr blass, obwohl sie für die Handlung wichtig ist und mir als Figur auch wirklich gut gefällt.

Zum Schluss bleibt zu sagen: Nein, die „Selection“-Reihe ist immer noch keine komplexe düstere Dystopie, sie hat noch immer keine ausgefeilte zukünftige Welt. Aber ehrlich? In Kiera Cass’ Biographie auf der Verlagsseite steht, sie hätte sich „Selection“ ausgedacht, nachdem sie sich gefragt hat, ob Cinderella den Prinzen wirklich heiraten wollte, oder ob sie nicht bloß einen freien Abend haben und ein schönes Kleid tragen wollte. Und da haben wir es eigentlich: Die „Selection“-Reihe ist viel mehr Märchen als Dystopie, viel mehr Liebesgeschichte als gesellschaftliche Kritik, viel mehr fluffig und locker, als düster und komplex. Und das ist in Ordnung so. Ich habe es in der Rezension zum ersten Band auch schon gesagt: Wenn man so etwas nicht mag, ist die Chance groß, dass einem „Selection“ nicht gefällt. Man darf einfach nicht erwarten, dass „Selection“ eine Reihe ist, nach der Cover und Klappentext nicht aussehen, nur, weil Dystopie draufsteht. Für Freunde von Hofintrigen, Klatsch und Tratsch um die Royals und klassischen Märchen á la Aschenputtel dürfte „Selection“ aber nach wie vor ein großartiger Lesespaß sein.

Zielgruppenempfehlung: Wer „Selection“ mochte, wird auch „Die Elite“ lieben, da bin ich mir sehr sicher. Zwar bekommt die traumhafte Märchenatmosphäre einen gehörigen Knacks, verfliegt aber keinesfalls und dürfte die Leser und Leserinnen der Reihe auch weiterhin begeistern. Wer Band Eins nicht so sehr mochte und vielleicht hofft, dass Band Zwei doch noch mehr in Richtung Dystopie geht, dem sei gesagt: Ja, tut es, aber sicherlich nicht auf die Weise, wie man erwarten könnte. Wem Band Eins zu viel Liebesgeschichte und zu viel Dystopie war, der wird auch mit Band Zwei nicht glücklich werden, aber einen Versuch ist es ganz bestimmt immer wert.

Fazit: Mir hat „Die Elite“ tatsächlich noch eine Spur besser gefallen, als der erste Band der Reihe, „Selection“. Romantisch-märchenhaft geht es weiter, doch es tun sich langsam Abgründe auf, nicht nur, was Illeà angeht, sondern auch die Figuren. Spannende Wendungen in der Geschichte, eine starke, interessante Heldin und zwei gleichermaßen interessante Männer, die für ein ausnahmsweise einmal wirklich interessantes Liebesdreieck sorgen, machen „Die Elite“ zu einem richtig schönen Lesespaß für Freunde von Hofintrige, Hofgeflüster und Klatsch und Tratsch rund um den Adel. Wo ich „Selection“ vier Sternchen gegeben habe, bekommt „Die Elite“ von mir vier Sterne und einen halben von fünf. Ja, es gibt Löcher im Weltenbau und obwohl endlich einiges erklärt und dadurch viel nachvollziehbarer und logischer wird, bleiben Fragen zurück, die geklärt werden hätten müssen. Doch dafür ziehe ich bloß einen halben Stern ab, weil der Hauptfokus von „Die Elite“ einfach nicht auf dem dystopischen Teil liegt und, weil alles andere mich restlos überzeugen konnte. Genau wie „Selection“ ist auch „Die Elite“ ein comfort read erster Güte, süß, romantisch und verträumt, aber diesmal mit dunklen Geheimnissen und Entdeckungen, die die Geschichte noch spannender und interessanter machen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

LinkWithin